Die erlösende Freigabe der Straße von Hormuz gleicht dem Warten auf Godot. In der Zwischenzeit nehmen Inflationsgefahren zu, Wachstums- und Finanzrisiken aber ebenso. US-Notenbank und EZB befinden sich im Dilemma und spielen auf Zeit.
Geldpolitik oder wenn die Preis- mit der Konjunkturstabilität ringt
Die US-Notenbank belässt ihren Leitzins wie erwartet unverändert bei 3,75 Prozent. Doch geht sie davon aus, dass die erhöhten Energiepreise die Inflation vor allem über höhere Spritpreise sowie Vertriebs- und Lieferkosten zunächst weiter antreiben. Aufgrund dieser Aufwärtsrisiken wandten sich drei stimmberechtigte Mitglieder allerdings gegen die bevorzugte Signalisierung einer Zinssenkung („easing bias“) im Statement der Fed zum Zinsentscheid.
Damit nehmen zwar die falkenhaften Töne bei der Fed zu. Doch sind damit zukünftig keine Zinserhöhungen vorgezeichnet. Schließlich bestätigen verhaltene längerfristige Inflationserwartungen die Einschätzung der Fed, dass es zu keinem galoppierenden Preis-Schock wie 2022 kommen wird.
Die US-Konjunktur schaltet einen Gang zurück
Das liegt auch an der US-Wirtschaft. Sie ist weit entfernt von preistreibenden Überhitzungen wie im Nachgang der Corona-Pandemie. Während sie 2021 und 2022 im Durchschnitt um gut drei Prozent wuchs, ist das US-Wachstum mit 2,0 Prozent im I. Quartal 2026 nach zuvor 0,5 Prozent deutlich schwächer. Das zeigen auch die Frühindikatoren.
Ebenso ist der US-Arbeitsmarkt momentan in eher fragilem Zustand. Die geopolitischen Abwärtsrisiken, aber auch neue Unsicherheiten wie KI als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wirken als Bremsklötze bei Neueinstellungen in der Industrie und im Dienstleistungsgewerbe. Tatsächlich sind die Arbeitnehmer sehr skeptisch, was ihre Jobsicherheit angeht.
Hinzu kommen steigende Benzinpreise, die die Konsumstimmung der auf Mobilität angewiesenen Amerikaner – auch vor dem Beginn der „driving season“ ab Mai – massiv untergräbt. Ab Sommer flaut ohnehin der Rückenwind der umfangreichen Steuergutschriften aus dem „One Big Beautiful Bill“ ab.
Sicherlich wirken die massiven KI-Investitionen stabilisierend. Doch dieses Klumpenrisiko, das sich auf nur wenige Sektoren konzentriert und mehr und mehr desinflationäre Effekte entfalten wird, stellt aus der Sicht der Fed keinen Handlungsdruck dar.
Dagegen fehlt die gesamtwirtschaftliche Breite der old economy. Die Investitionsplanung von US-Kleinunternehmen ist dramatisch auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise 2009 gefallen.
US-Notenbank: In dubio pro reo. Im Zweifel für die Konjunktur
Bei seiner Anhörung vor dem US-Bankenausschuss war der designierte Fed-Chef Kevin Warsh sichtlich bemüht, sich als Inflationsbekämpfer und Verfechter einer stabilitätsorientierten Geldpolitik zu präsentieren. U.a. erklärte Warsh, er wolle in Zusammenarbeit mit Finanzminister Bessent prüfen, wie die Fed ihre Bilanzsumme reduzieren und sich aus der Fiskalpolitik zurückziehen kann. Sein Auftritt erinnert an den ersten Besuch bei den zukünftigen Schwiegereltern, bei denen selbstverständlich nur die besten Absichten vorgetragen werden. Klingt stabilitätspolitisch zu schön, um wahr zu sein. Ist es auch nicht.
Denn theoretische Pläne zur Liquiditätsabschöpfung, die Renditen von US-Staatsanleihen weiter ansteigen ließen, passen nicht zu der bestehenden horrenden und weiter massiv ansteigenden US-Verschuldung. Man schaue nur auf die bevorstehende Erhöhung des Pentagon-Budgets um 40 Prozent und zunehmende staatliche Ausgaben in Bereichen wie z.B. Halbleiter. Zur Sicherung der Schuldentragfähigkeit sind Warsh praktisch die Hände gebunden.
Dass Powell erklärt hat, auch nach dem Ende seines Fed-Vorsitzes weiterhin als Gouverneur tätig zu sein – hier läuft seine Amtszeit bis Januar 2028 – dürfte die Spannungen zwischen Trump und der Fed aufrechterhalten. Trumps Ambitionen, die Mehrheitsverhältnisse bei der Fed durch die Nachbesetzung einer vakanten Stelle zu seinen Gunsten umzugestalten, sind vorerst vereitelt. Die Unabhängigkeit der Fed als Trumpf der US-Finanzwirtschaft hat zumindest wieder ein bisschen Boden gutgemacht.
Unabhängig davon spricht viel dafür, dass die Fed auch zukünftig unter Warsh das Ziel der Preisstabilität dem Ziel der Stabilisierung der Wirtschaft unterordnen wird. An den Terminmärkten wird eine weitere Leitzinssenkung aktuell zwar erst für Mitte 2027 eingepreist. Diese Momentaufnahme sollte nicht weiter irritieren. Grundsätzlich ist die Meinung an den Terminmärkten ähnlich launisch wie das April-Wetter. Noch in diesem Jahr ist mit Leitzinsentspannung zu rechnen.
EZB – Kann man die Inflationssteigerung ignorieren?
Auch die EZB hält an ihrem Einlagenzins von 2 Prozent unverändert fest. EZB-Chefin Christine Lagarde übt sich weiterhin in rhetorischer Glaubwürdigkeitspflege und gibt sich gewohnt entschlossen, nachhaltige Preissteigerungen zu bekämpfen. Das erwartet man von ihr so wie Tore von einem Stürmer. Denn der klare Anstieg der Inflationsrate im April auf 3,0 nach zuvor 2,6 Prozent zeugt tatsächlich von preislichen Aufwärtsrisiken. Und zuletzt ist der Preis für die führende Öl-Sorte Brent auf den höchsten Stand seit vier Jahren gestiegen.
Bislang jedoch signalisieren stabile längerfristige Inflationserwartungen keine drastischen Zweitrunden-Effekte und legen damit auch keinen akuten Zinserhöhungsdruck für die EZB nahe.
Überhaupt ist die Euro-Wirtschaft weit von einem inflationstreibenden Nachfrageboom entfernt. Zu den bekannten Wachstumsbremsen wie US-Handelskonflikt, asiatische Exportkonkurrenz, Strukturdefizite (Lieber schlecht regieren, als nicht regieren) kommen erschwerend noch hohe Energiepreise bei zunehmender -knappheit hinzu. Die Mollstimmung bei Dienstleistern ist unverkennbar.
Wegen Lieferkettenrisiken steht auch der Aufschwung in der Industrie auf tönernen Füßen, der sowieso durch einen vorsorglichen Lageraufbau überzeichnet wird. Entsprechend hat die Bundesregierung die bereits magere deutsche Wachstumsprognose auf 0,5 Prozent halbiert.
Zinsrestriktion würde die angeschlagene Konjunktursituation noch weiter eintrüben.
Sicher hängt der EZB der Makel der Fehleinschätzung einer lediglich „vorübergehenden“ Inflation nach Corona nach. Doch stellt sich ihre Geldpolitik im Vergleich zu 2022 bereits deutlich restriktiver dar. So hat sich die Liquiditätsausstattung in der Eurozone seither um ein Drittel verringert und die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen in der Eurozone sind von ihrem Null-Zins-Niveau spürbar angestiegen. Allerdings hat auch die Inflation ihr Nullniveau längst hinter sich gelassen.
Insgesamt hat die EZB genügend Alibis, die Zins-Füße still zu halten. Sie weist weiter darauf hin, ihre zukünftige Zinspolitik von Sitzung zu Sitzung an der jeweiligen Datenlage zu orientieren. Es ist auch ein Spiel auf Zeit.
Ergibt sich zur Prävention von Zweitrundeneffekten dennoch Handlungsbedarf, könnte sie diesen mit nur einer stabilitätsbeweisenden Zinsanhebung auf ihrer Sitzung am 11. Juni hinter sich bringen: „One and done“.
Insgesamt, aktuell stellt die Zinsseite keine große Gefahr für die Aktienmärkte dar. Denn auch die Bank of Japan, die Bank of England und die Bank of Canada behalten ihre Zinsen bei. Wie Fed und EZB werden auch sie aufgrund der Verschuldungs- und Konjunkturprobleme von restriktiver Geldpolitik so lange wie möglich Abstand halten wollen.
Zudem hegen sie die Hoffnung, dass der Ölpreis nach Wiederöffnung der Straße von Hormus zügig fallen wird. Zurzeit bleiben die Fronten aber noch verhärtet. Für Entspannung spricht ebenfalls der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC zum 1. Mai. Sie wollen sich nicht mehr an die Knute von Quoten und Förderbeschränkungen halten, sondern nach eigenem Ermessen liefern. Denn so lassen sich die Staatseinnahmen angesichts der vergleichsweise hohen Energiepreise kräftig steigern. Eine Rolle mag dabei auch gespielt haben, dass der US-Präsident die militärische Verteidigung der Emirate auch an hohe Liefermengen knüpft. Längerfristig ist mit einem weiteren Erodieren des Öl-Kartells zu rechnen, was die Verfügbarkeit von Öl erhöht und für günstigere Preis spricht.
Marktlage – Verlieren Europas Aktien gegenüber den USA den Anschluss?
Solange die Straße von Hormus unpassierbar bleibt, treffen Engpässe in der Versorgung mit Öl und Treibstoffen wie Kerosin und Diesel neben Asien nun zunehmend auch Europa. Zwar leidet selbst Amerika unter hohen Energiepreisen, ist aber zumindest auf der Mengenseite energieunabhängig, was US-Aktien im Vergleich einen Vorteil bietet.
Die Attraktivität der US-Titel ergibt sich auch über ihren großen Binnenmarkt, was unabhängiger von der Weltkonjunktur macht. Vor allem ist aber der starke High-Tech-Sektor zu nennen, der übrigens auch die Produktivität der gesamten US-Wirtschaft hebt. Tatsächlich hat die KI-Fantasie wieder Fahrt aufgenommen. Jüngste Ergebnisse der US-Berichtssaison bestätigen anhaltend rasantes Gewinnwachstum, durch das sich die Tech-Blase deutlich entbläht.
Im transatlantischen Konjunkturvergleich kann die US-Wirtschaft zuletzt deutlich positiver überraschen als die der Eurozone, die sich mit Stagflationsängsten herumschlägt. Das liegt auch daran, dass die staatlichen Investitionen der USA – wenn auch schuldenfinanziert – deutlich mehr der Infrastruktur zugutekommen als in Europa. Die Gegenüberstellung der von der Citigroup ermittelten Economic Surprise Indices der Eurozone und Amerikas, die jeweils die Abweichung tatsächlicher Konjunkturdaten von -schätzungen wiedergeben, zeigt dies überdeutlich.
Insgesamt geht das mit einer zunehmenden Outperformance der US-Börsen gegenüber Europa einher.
Sentiment und Charttechnik DAX – So etwas wie Frühlingsgefühle
Grundsätzlich zeigt die Aktienstimmung bemerkenswerte Stabilität. Zwar können neue geopolitische Unsicherheiten in der Iran-Krise wieder für Rücksetzer sorgen. Diese „Luftlöcher“ werden allerdings – wie in letzter Zeit üblich – schnell gefüllt. Denn der Markt glaubt nicht daran, dass Trump an einer langen Konfliktdauer interessiert ist, die ihn bei den Zwischenwahlen im November brutal heimsuchen könnte. Dafür spricht, dass US-Geheimdienste Insidern zufolge untersuchen, wie der Iran auf eine einseitige US-Siegeserklärung in dem Konflikt reagieren würde. Trump sucht händeringend nach einem Exit aus dem Iran-Krieg. Und der Iran braucht dringend Einnahmen aus Energieverkäufen.
Und so sind Zweifel an den Aktienmärkten, die nachhaltige Gewinnmitnahmen oder sogar einen Einbruch nahelegen, ungerechtfertigt. Der Anteil der Optimisten am US-Aktienmarkt abzüglich des Anteils der Pessimisten nimmt allmählich wieder zu.
Mitunter kommt es sogar zu FOMO („fear of missing out“). So fahren Anleger ihre Absicherungen an den Terminmärkten gegen fallende Kurse herunter.
Mit erhöhter Volatilität ist zwar zu rechnen. Doch dagegen ist mit regelmäßigen Aktiensparplänen ein gutes Kraut gewachsen.
Charttechnisch liegen auf der Unterseite erste Unterstützungen bei 23.790, 23.742 und 23.624 Punkten. Darunter folgen Haltelinien bei 23.480 und 23.400. Auf der Oberseite trifft der DAX auf Widerstände bei 23.895, 23.900, 23.990, 24.000 und 24.110 Punkten.
Ein Beitrag von Robert Halver.
Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.
Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725.
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