Der Iran-Konflikt und das Dilemma der Notenbanken

Steigende Energiepreise, schwaches Wachstum: Der Iran-Konflikt bringt Notenbanken in ein gefährliches Spannungsfeld zwischen Inflation und Konjunktur.

(Bildquelle: EZB/Fed)

Die Eskalation des Irankriegs seit Anfang März bedeutet auch für Notenbanken eine besondere Herausforderung. Durch die weitgehende Sperrung der Straße von Hormus wurden Lieferketten unterbrochen, vor allem für die fossilen Energieträger Öl und Gas. Der resultierende globale Anstieg der Energiepreise führte unmittelbar zu steigenden Inflationsraten. Gleichzeitig dämpfen höhere Preise und die zunehmende Verunsicherung die Konsum- und Investitionsdynamik und damit die Wachstumsperspektiven.

Der Angebotsschock bei Energie erzeugt einen stagflationären Impuls. Notenbanken mit einem ausschließlichen Fokus auf Preisniveaustabilität wie die Europäische Zentralbank (EZB) müssten Leitzinsen anheben, würden dadurch aber das Wachstum weiter abschwächen. Die US-Notenbank Fed, die neben einer niedrigen Inflation die Zielsetzung eines gut ausgelasteten Arbeitsmarktes hat, kann bei einer anhaltenden Stagflation nicht beide Ziele erreichen bzw. müsste sich entscheiden, welches sie bevorzugt. Denn höhere Zinsen zur Bekämpfung der Inflation wirken negativ auf die Beschäftigung.

Allerdings kann ein durch den Krieg im Nahen Osten ausgelöster Inflationsimpuls kaum durch höhere Leitzinsen bekämpft werden, ähnlich wie potenziell steigende Nahrungsmittelpreise, wenn aufgrund fehlender Düngemittel aus der Golfregion die Ernten in den kommenden Monaten schwächer ausfallen. Daher achten EZB & Co. weniger auf die akut steigende Teuerung, sondern auf die Inflationserwartungen sowie Zweitrundeneffekte. Erst wenn also der initiale Inflationsschub dazu führt, dass Menschen anhaltend höhere Preisniveausteigerungen erwarten und entsprechend deutlich höhere Löhne fordern bzw. Unternehmen darauf basierend ihre Absatzpreise anheben, müsste die Geldpolitik restriktiver agieren.

EZB-Präsidentin Lagarde verwies entsprechend auf die mit dem Hochinflationsjahr 2022 nicht vergleichbare Ausgangslage. Die Teuerung zum Zeitpunkt des Energiepreisschocks liegt heute tiefer, die Leitzinsen höher. Fiskalpolitik ist weniger expansiv, es gibt keine nachzuholende Nachfrage wie nach der Corona-Pandemie und zumindest die Gaspreise sind bisher weniger stark gestiegen. Sollten Energiepreise jedoch lange auf sehr hohen Niveaus verharren, müssten die Notenbanken gegensteuern. Denn man wird nicht riskieren wollen, zu spät zu reagieren wie im Jahr 2022, als die aufkommenden Inflationsrisiken lange als „transitory“, also vorübergehend, bezeichnet wurden.

Ein Beitrag von Carsten Mumm

Er ist Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel. Das Traditionshaus mit Sitz in Hamburg und München setzt auf qualifizierte und umfassende Beratung für vermögende Privatkunden, Unternehmer, Immobilienkunden und institutionelle Kunden.

 

 

Der obige Text/Beitrag spiegelt die Meinung des oder der jeweiligen Autoren wider. Die CASMOS Media GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.