Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Börsenweisheiten, die klingen so überzeugend, dass sie beinahe automatisch geglaubt werden. „The trend is your friend.“ „Hin und her macht Taschen leer.“ Oder eben der Klassiker, der jedes Frühjahr aufs Neue die Runde macht: „Sell in May and go away.“
Kaum wird es draußen wärmer, taucht dieser Satz wieder auf wie die Grillsaison oder der erste Sonnenbrand. Finanzportale schreiben darüber, Analysten diskutieren ihn in Talkshows, und irgendwo verkauft garantiert jemand seine gesamten Aktien, weil angeblich nun die schlechte Börsenzeit beginnt. Die Idee dahinter klingt bestechend simpel: Von November bis April laufen Aktienmärkte traditionell besser, während die Monate Mai bis Oktober eher schwächer ausfallen. Also raus aus dem Markt, Füße hochlegen, vielleicht ein paar Wochen an den Strand, und erst im Herbst wiederkommen.
Das Problem ist nur: Die Börse funktioniert selten so zuverlässig wie ein Bauernkalender. Und wer Vermögen aufbauen will, sollte nicht nach Sprüchen investieren, sondern nach Prinzipien.
Die Statistik stimmt – aber sie lügt trotzdem
Fairerweise muss man sagen: Ja, statistisch gibt es diesen Effekt tatsächlich. Über viele Jahrzehnte hinweg waren die Wintermonate an den Aktienmärkten oft stärker als die Sommerphase. Diverse Studien haben das untersucht und bestätigt. Das klingt zunächst beeindruckend und wissenschaftlich fundiert.
Aber wie so oft an der Börse wird aus einer Beobachtung schnell eine vermeintliche Gewissheit. Und genau dort beginnt die Gefahr. Denn Durchschnittswerte sagen nichts über Einzeljahre aus. Sie sagen auch nichts darüber aus, ob ein Muster, das in der Vergangenheit funktioniert hat, auch in Zukunft funktionieren wird.
Wer Börse auf Kalenderregeln reduziert, macht es sich zu einfach. Die Märkte interessieren sich nämlich herzlich wenig dafür, ob gerade Mai oder November ist. Sie interessieren sich für Zinsen, Unternehmensgewinne, geopolitische Risiken, technologische Innovationen, Liquidität und vor allem für Erwartungen. Und diese Faktoren halten sich nicht an Jahreszeiten.

2026: Das Jahr, das „Sell in May“ Lügen straft?
Die aktuelle Gemengelage wirkt erstaunlich widersprüchlich. Eigentlich gäbe es genügend Gründe für fallende Kurse: anhaltende geopolitische Spannungen, steigende Renditen am Anleihemarkt, Diskussionen über Inflation, Unsicherheit rund um die Zinspolitik der US-Notenbank und die Sorge vor einer wirtschaftlichen Abkühlung.
Trotzdem zeigen sich viele internationale Aktienmärkte bislang erstaunlich robust. Vor allem in den USA haben die großen Technologie- und KI-Werte die Märkte erneut angeschoben. Der S&P 500 hat sich nach zwischenzeitlichen Rückschlägen überraschend schnell erholt.
Wer dieses Jahr also einfach blind nach dem alten „Sell in May“-Muster ausgestiegen wäre, hätte bislang vor allem eines getan – mögliche Kursgewinne verpasst.
Gleichzeitig mehren sich aber die Warnzeichen. Die Rallye wird immer stärker von wenigen großen KI- und Technologiewerten getragen, während steigende Anleiherenditen zunehmend Druck auf die Märkte ausüben. Diese Mischung sorgt für Nervosität. Die Börsen steigen zwar weiter, wirken dabei aber deutlich fragiler als noch vor einigen Monaten.
Midterm-Jahre sind besonders tückisch
Hinzu kommt ein historischer Faktor: 2026 ist in den USA ein sogenanntes Midterm-Wahljahr. Und genau diese Jahre gelten als besonders anfällig für stärkere Schwankungen zwischen Sommer und Herbst. Eine Korrektur zwischen Juli und Oktober würde deshalb kaum überraschen. An der Börse wäre das fast schon normal – unabhängig davon, ob man im Mai verkauft hat oder nicht.
Aber – und das ist entscheidend – zwischen einer normalen Korrektur und dem reflexartigen Komplettausstieg liegt ein großer Unterschied. Eine Korrektur von 10 oder 15 Prozent ist kein Weltuntergang. Sie ist Teil des Spiels. Sie ist der Preis, den man für langfristige Renditen zahlt.

Der Fehler der Extremen
Viele Anleger machen genau diesen Denkfehler. Sie denken in Extremen. Entweder Vollgas oder Vollbremsung. Entweder komplett investiert oder komplett draußen. Entweder euphorisch oder panisch. Dazwischen gibt es scheinbar nichts.
Dabei ist erfolgreicher Vermögensaufbau meistens deutlich unspektakulärer. Erfolgreiche Anleger springen nicht hektisch von Regel zu Regel. Sie überlegen nicht im Mai, ob sie aussteigen sollen, und im November, ob sie wieder einsteigen. Sie konzentrieren sich auf etwas viel Wichtigeres: Qualität.
Und hier kommen Baustein-Aktien ins Spiel. Denn gerade langfristig starke Unternehmen überstehen auch schwächere Börsenphasen erstaunlich gut. Firmen mit soliden Geschäftsmodellen, stabilen Cashflows, globaler Marktstellung und echter Preissetzungsmacht verschwinden nicht plötzlich, nur weil der Kalender auf Mai umspringt.
Nehmen Sie einmal mehr Microsoft. Das Unternehmen dominiert Cloud-Computing, profitiert vom KI-Boom und generiert Cashflows, von denen andere nur träumen können. Ja, die Aktie schwankt. Ja, sie kann im Sommer fallen. Aber das Geschäftsmodell funktioniert weiter – unabhängig von Börsenweisheiten.
Die bessere Börsenweisheit
Vielleicht wäre deshalb eine modernere Version der alten Börsenweisheit sinnvoller. Nicht „Sell in May and go away“, sondern eher: „Buy quality and stay the way.“ Oder noch einfacher: „Think in May and stay awake.“
Denn wachsam sein ist etwas anderes als panisch verkaufen. Wachsam sein bedeutet: Bewertungen im Blick behalten. Portfolios überprüfen. Risiken managen. Aber nicht reflexartig reagieren, nur weil ein alter Spruch es empfiehlt.
Schwächere Marktphasen sind oft genau die Momente, in denen sich Qualität zeigt. Wenn die Märkte fallen, fallen alle Aktien – aber die guten erholen sich schneller. Die schlechten verschwinden irgendwann ganz.

Was Sie jetzt tun sollten – und was nicht
Verkaufen Sie nicht blind im Mai. Das ist Timing – und Timing funktioniert selten. Aber überprüfen Sie Ihr Portfolio. Besitzen Sie Qualitätsunternehmen mit soliden Geschäftsmodellen? Oder sitzen Sie auf spekulativen Wetten, die nur funktionieren, wenn die Märkte steigen?
Falls Sie Letzteres tun: Dann ist jetzt tatsächlich ein guter Zeitpunkt, aufzuräumen. Nicht wegen „Sell in May“, sondern wegen gesundem Menschenverstand.
Falls Sie Qualitätsunternehmen besitzen: Bleiben Sie investiert. Nutzen Sie Schwächephasen, um nachzukaufen. Und ignorieren Sie Kalendersprüche.
Das mE-Fazit
„Sell in May and go away“ ist eine nette Anekdote. Aber es ist keine Anlagestrategie. Die Börse lässt sich nicht auf Kalenderregeln reduzieren. Sie ist komplexer, volatiler und unberechenbarer.
Was funktioniert, ist Qualität. Baustein-Aktien – solide Unternehmen mit bewährten Geschäftsmodellen, globaler Präsenz und Dividendenzuverlässigkeit – überstehen schwache Börsenphasen, weil ihr Wert nicht von saisonalen Mustern abhängt, sondern von produktiven Geschäftsmodellen.
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