Die nächste große Brücke zwischen den traditionellen Kapitalmärkten und Krypto wird möglicherweise nicht durch Bitcoin entstehen, sondern durch Aktien. Zunehmend werden traditionelle Wertpapiere als digitale Token auf der Blockchain abgebildet. Diese tokenisierten Aktien versprechen, was der traditionelle Aktienhandel bislang nur eingeschränkt bieten konnte: 24/7-Handel, schnellere Abwicklung, Bruchteilseigentum und niedrigere Kosten. Auch wenn dieser Markt im Vergleich zum traditionellen Aktienhandel noch klein ist, gewinnt er spürbar an Dynamik.
Laut aktuellen Daten erreichte das monatliche On-Chain-Spot-Handelsvolumen tokenisierter Aktien über alle Blockchains hinweg im Mai einen Rekordwert von rund 5,3 Mrd. US-Dollar – ein Plus von 44 Prozent gegenüber dem Vormonat. Derivate kommen noch hinzu: Perpetual Futures auf tokenisierte Aktien wurden im gleichen Monat auf zentralisierten Kryptobörsen im Wert von rund 34 Mrd. US-Dollar gehandelt. Auf Solana überstieg das kumulierte Transfervolumen von Aktien-Token im Juni erstmals die Marke von 10 Mrd. US-Dollar. Das ist weit entfernt von den Volumina der traditionellen Aktienmärkte, wo laut der größten US-amerikanischen Optionsbörse Cboe im letzten Jahr täglich rund 1,1 Billionen US-Dollar an Aktien den Besitzer wechselten. Doch die Richtung ist klar: Sobald regulatorische Klarheit herrscht, könnte der noch kleine Markt erheblich wachsen.
SEC rudert vorübergehend zurück: Bedenken gegenüber Drittanbieter-Token
Genau dieser regulatorische Aspekt ist derzeit der entscheidende Wendepunkt. Die US-Wertpapieraufsicht SEC hatte zuletzt an einem Befreiungsantrag für tokenisierte Assets gearbeitet, der als regulatorisches Experiment für digitale Aktien hätte dienen können. Obwohl der Vorschlag bereits intern ausgearbeitet und geprüft worden war, wurde er vorübergehend auf Eis gelegt. Berichten zufolge war die Verzögerung auf Bedenken gegenüber sogenannten Drittanbieter-Token zurückzuführen, das sind digitale Aktienversionen, die ohne direkte Zustimmung oder Beteiligung der betreffenden Unternehmen ausgegeben werden.
Auch wenn diese Verzögerung einen vorübergehenden Rückschlag für die breite Akzeptanz von Aktien-Token darstellt, zeigt sie zugleich, wie ernst Regulatoren und traditionelle Finanzakteure das Thema inzwischen nehmen. Wertpapiere auf der Blockchain sind weit mehr als nur eine weitere Krypto-Erzählung. Sie berühren das Herzstück der Kapitalmarktinfrastruktur: Eigentum, Abwicklung, Verwahrung, Stimmrechte, Dividenden, Marktaufsicht und Anlegerschutz.
Was tokenisierte Aktien tatsächlich sind
Aktien-Token sind digitale Abbildungen traditioneller Unternehmensaktien auf einer Blockchain. In ihrer einfachsten Form wird die zugrunde liegende Aktie von einem regulierten Verwahrer gehalten, während ein entsprechender Token auf der Blockchain ausgegeben wird, der den Wert der Aktie widerspiegelt. Idealerweise ist dieser Token 1:1 durch die zugrundeliegende Aktie gedeckt. Anleger können so eine Preisexposition gegenüber dem Wertpapier erlangen, ohne zwingend über eine traditionelle Börse handeln zu müssen. Daneben gibt es synthetische Modelle, die die zugrundeliegende Aktie nicht notwendigerweise halten, sondern deren Kursentwicklung mithilfe von Derivaten oder anderen Finanzinstrumenten nachbilden.
Tokenisierte Aktien sind kein neues Konzept, erste Versuche gab es bereits in früheren Krypto-Zyklen. Die Marktbedingungen haben sich jedoch seither grundlegend verändert. Erstens ist die Blockchain-Infrastruktur deutlich leistungsfähiger geworden: Netzwerke wie Solana ermöglichen inzwischen zuverlässig schnelle Transaktionen zu vernachlässigbaren Kosten. Zweitens ist das institutionelle Interesse an der Tokenisierung realer Vermögenswerte (Real-World Assets, RWAs) stark gestiegen. Geldmarktfonds, Staatsanleihen und Private-Credit-Produkte werden zunehmend auf Blockchain-Infrastrukturen migriert.

Märkte kennen keine Börsenzeiten
Der zentrale Vorteil von Aktien-Token liegt im Potenzial für den 24/7-Handel. Traditionelle Aktienmärkte schließen abends, an Wochenenden und Feiertagen, die Welt hingegen steht nicht still, nur weil die Börse geschlossen ist. Unternehmensankündigungen und geopolitische Ereignisse können jederzeit eintreten. On-Chain-Aktien könnten es Anlegern ermöglichen, in Echtzeit auf solche Entwicklungen zu reagieren. Ein weiterer Vorteil liegt in der Abwicklung. Obwohl traditionelle Wertpapiermärkte ihre Abwicklungszyklen verkürzt haben, bleiben sie auf historisch gewachsene Clearing- und Verwahrungsstrukturen angewiesen. Auf der Blockchain hingegen können Transaktionen innerhalb von Sekunden abgewickelt werden.
Auch wenn der Aktienhandel heute digital ist, bleibt das Backend hochgradig zentralisiert. Clearing, Settlement, Verwahrung und Registerführung sind historisch gewachsene Systeme mit zahlreichen Intermediären, die den Handel zeit- und kostenintensiv machen. Die Tokenisierung würde Teile dieser Infrastruktur sowohl dezentralisieren als auch automatisieren. Je weniger Intermediäre zwischen Käufer und Verkäufer stehen, desto niedriger die Kosten entlang der gesamten Abwicklungskette. Zwar sind auch Blockchain-Transaktionen, Verwahrung und Plattformgebühren mit Kosten verbunden, doch die zugrunde liegende Technologie ermöglicht deutlich schlankere Prozesse.
Drittanbieter-Token können die Preisbildung verzerren
Derzeit bleibt die Regulierung die größte Hürde. Aktien sind Wertpapiere, unabhängig davon, ob sie auf Papier, in einem Register oder als Token auf einer Blockchain existieren. Besonders sensibel ist die Frage der Aktienstruktur. Je nach Jurisdiktion und Aktiengattung gewährt der Besitz einer traditionellen Aktie spezifische Ansprüche – etwa auf Dividenden, Stimmrechte oder die Teilnahme an Kapitalmaßnahmen. Bei Aktien-Token ist nicht automatisch gewährleistet, dass diese Rechte vollständig weitergegeben werden. Viele Produkte bieten zunächst lediglich Marktexposition statt vollständigen Aktionärsstatus.
Hinzu kommt das Risiko einer verwässerten Aktienstruktur. Wenn Drittanbieter Token auf Aktien ausgeben, ohne dass die betreffenden Unternehmen selbst beteiligt sind, entsteht ein Parallelmarkt. Solange jeder Token vollständig gedeckt ist, erhöht sich die tatsächliche Anzahl ausstehender Unternehmensaktien nicht. Problematisch wird es jedoch, wenn synthetische Produkte mit unzureichender Deckung entstehen, sie könnten die Preisfindung verzerren, Liquidität abziehen und das Marktvertrauen untergraben.
Zwei Schienen führen zum selben Ziel
Die krypto-nativen Strukturen sind jedoch nur die halbe Geschichte. Auch die bestehende Infrastruktur setzt sich in Bewegung. Im März genehmigte die SEC das Nasdaq-Rahmenwerk für den tokenisierten Handel mit Russell-1000-Aktien und Index-ETFs, bei dem der tokenisierte Anteil identische Rechte trägt und parallel zur konventionellen Aktie gehandelt wird. Die Depository Trust and Clearing Corporation (DTCC), die den Großteil des US-Wertpapiermarktes abwickelt und sichert, nimmt im Juli den eingeschränkten Produktionsbetrieb für tokenisierte Wertpapiere auf – mit einem breiteren Launch im Oktober. Auch die New York Stock Exchange baut eine eigene Handelsplattform.
Zwei Schienen führen zum selben Ziel. Eine verläuft über die bestehende Marktinfrastruktur: volle Aktionärsrechte, vertraute Verwahrung, Abwicklung über das zentrale Depot. Die andere läuft über krypto-native Plattformen: global, rund um die Uhr geöffnet, häufig schneller – aber in vielen Fällen mit Preisexposition statt rechtlichem Eigentum. Die SEC zog diese Linie im Januar, als sie zwischen verwahrten tokenisierten Wertpapieren mit vollen Aktionärsrechten und synthetischen Pendants ohne diese Rechte unterschied.
Die entscheidende Frage für Anleger ist daher nicht, ob Aktien on-chain wandern. Sondern: Auf welcher Schiene bewegen sie sich? Was sichert den Token? Besteht ein Anspruch auf die zugrunde liegende Aktie – und gegenüber wem? Was passiert bei Ausfall des Emittenten? Wie bildet sich der Preis, wenn der Primärmarkt geschlossen ist? Die Produkte, die diesen Markt gewinnen werden, sind jene, die diese Fragen klar beantworten.

Wie Anleger vom Tokenisierungstrend profitieren können
Der Zugang hängt derzeit stark vom Wohnort ab. Amerikanische Privatanleger können tokenisierte Aktien im Inland noch nicht kaufen, solange die SEC ihren Rahmen finalisiert. Deutsche Anleger können es bereits: Robinhood bietet EU-Kunden mehr als 200 tokenisierte US-Aktien und ETFs an, Gemini vertreibt tokenisierte Aktien in Europa über seine Partnerschaft mit Dinari, und in Frankfurt ist 21X – eine EU-zugelassene Börse für tokenisierte Wertpapiere – beheimatet.
Die Kluft offenbart einen Wettbewerb zwischen Regulatoren. Europa hat den Vertrieb unter bestehenden Wertpapierregeln zuerst ermöglicht, während die USA die Tokenisierung in ihre Kernmarktinfrastruktur integrieren. Welcher Ansatz das Vertrauen von Emittenten und Anlegern gewinnt, wird entscheiden, wo sich dieser Markt letztendlich etabliert.
Für Anleger stellt sich damit die Folgefrage: Welche Infrastruktur profitiert von diesem Trend? Eine naheliegende Möglichkeit bieten die Blockchain-Netzwerke, auf denen diese Token gehandelt und übertragen werden. Besonders interessant ist hier Solana: Dank niedriger Gebühren und hohem Durchsatz eignet sich das Netzwerk hervorragend für Anwendungen, die ein hohes Volumen an Mikrotransaktionen erfordern. Sollten Aktien-Token tatsächlich zu einem größeren Markt heranreifen, dürften leistungsstarke, kostengünstige Netzwerke besonders davon profitieren.
Die nächste Brücke zwischen Wall Street und Blockchain
Tokenisierte Aktien zeigen, dass Krypto nicht als Gegner des traditionellen Finanzsystems betrachtet werden sollte, sondern vielmehr als dessen Partner. Die weitaus überzeugendere Entwicklung liegt in der Konvergenz beider Welten. Durch diese Integration können traditionelle Assets dezentralisierter werden, schneller handeln und weltweit zu niedrigeren Kosten zugänglich sein. Der Markt ist zwar noch klein, die Regulierung bleibt noch unklar und die Produktstrukturen komplex. Doch die Richtung ist eindeutig: Da Aktien, Anleihen, Fonds und Stablecoins zunehmend auf Blockchain-Infrastrukturen migrieren, wird ein Teil des traditionellen Kapitalmarkts unweigerlich auf öffentliche Netzwerke übergehen.
Ein Beitrag von Johanna Belitz und Jacob Lindberg
Johanna Belitz ist Head of Nordics bei Valour. Zuvor war Belitz bei BNP Paribas, wo sie das ETP-Geschäft in Schweden und Finnland aufgebaut hat. Valour Inc. und Valour Digital Securities Limited emittieren ETPS, die privaten und institutionellen Anlegern einen einfachen und sicheren Zugang zu digitalen Vermögenswerten über ihr traditionelles Bankkonto ermöglichen. Valour ist Teil des Geschäftsbereichs Asset Management von DeFi Technologies Inc. Die Muttergesellschaft ist an der Nasdaq notiert.
Jacob Lindberg ist Chief Revenue Officer, beim Krypto-ETP-Emittenten Valour
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