Sommerhitze an den Börsen

Rekordhochs trotz Krisen: Warum DAX und S&P 500 weiter Potenzial haben, Anleger sich aber auf einen turbulenten Börsensommer einstellen sollten.

Leinen ist im Sommer das perfekte Material. Bildquelle: Adobe Stock / aquar

Nach dem Kurssturz im ersten Quartal feiern DAX und S&P 500 neue Rekordhochs – doch geopolitische Risiken von Hormus bis Washington könnten den Sommer turbulent machen. Was Anleger jetzt wissen müssen.

Rückblick: Die Erholung nach dem Rückgang

Zunächst, wie immer an dieser Stelle, ein kurzer Rückblick auf das zweite Quartal. Nach den Kursrückgängen am Ende des ersten Quartals, mit einem Minus von bis zu 15 Prozent beim DAX und S&P 500, kam es im zweiten Quartal zu einer deutlichen Erholung mit neuen Rekordhochs. Dieser Anstieg beruhte in erster Linie auf besseren Quartalsergebnissen.

Im Gegensatz zur negativen geopolitischen Lage, die sich weiterhin dramatisch verschlechtert hat, bestätigten die Unternehmensgewinne in der Mehrzahl die Hoffnung auf weiter steigende Gewinne. Der S&P 500 erreichte mein Jahresziel von 7.700 Punkten, das ich zu Jahresbeginn ausgegeben hatte, bereits Anfang Juli fast vollständig, während der DAX knapp sechs Prozent unter meinem Jahresziel von 27.500 lag.

(Bildquelle: Unsplash / Juan Carlos Ramirez)

Was sollten Anleger jetzt bis zum Jahresende tun?

Die kommenden veröffentlichten Ergebnisse des zweiten Quartals müssen beweisen, dass die Hoffnung auf weitere Gewinnverbesserungen berechtigt ist. Werden diese Hoffnungen nicht erfüllt, kommt es dagegen zu deutlichen Kursabstrafen. Ein aktuelles Beispiel ist IBM. Das Quartalsergebnis erfüllte die Erwartungen nicht, und die Aktie verlor daraufhin Mitte Juli an einem einzigen Tag fast 25 Prozent. Das war der größte Tagesverlust bei IBM seit 1968!

In Deutschland hat SAP, gemessen an der Marktkapitalisierung der größte DAX-Titel, seit rund einem Jahr etwa 50 Prozent verloren. Aus meiner Sicht eine völlige Übertreibung. Hintergrund ist die Befürchtung, dass die Künstliche Intelligenz das Geschäftsmodell von SAP deutlich einschränken könnte. Tatsächlich ist nach Einschätzung vieler Analysten genau das Gegenteil der Fall.

Allerdings wird die Volatilität an den internationalen Börsen deutlich zunehmen. Besonders betroffen sind Technologiewerte mit Bezug auf die Künstliche Intelligenz – sowohl dort, wo große Hoffnungen bestehen, als auch dort, wo Anleger befürchten, dass bestehende Geschäftsmodelle unter KI leiden könnten.

Wie sollten Anleger damit umgehen? Überdurchschnittlichen Kursanstiegen sollte man nicht hinterherlaufen. Gewinne sollten konsequent mit Stopps abgesichert werden. Bei überdurchschnittlichen Kursrückgängen ergeben sich dagegen häufig Einstiegschancen. Diese Strategie beschreibe ich ausführlich in meinem Buch „Erfolgreich zeitlos investieren“. Ich bin Antizykliker und tue meist das, was die Mehrheit gerade nicht macht. Dabei akzeptiere ich auch vorübergehende Schieflagen und nutze diese gezielt zum Nachkaufen.

(Bildquelle: Getty Images für Unsplash+)

Geopolitische Risiken: Ein heißer Sommer voraus

Aufgrund der erheblichen geopolitischen Unsicherheiten, ausgelöst durch die sich ständig ändernde Strategie des Weißen Hauses, wird es in den Sommermonaten nicht nur wetterbedingt heiß werden. Die Lage im Nahen Osten, insbesondere rund um die Straße von Hormus, bleibt kritisch. Eine endgültige Lösung ist bislang nicht in Sicht, da das Weiße Haus für diesen von Amerika ausgelösten Krieg bislang keine erkennbare Strategie entwickelt hat.

Ich rechne deshalb damit, dass geopolitische Extremsituationen zwischen Juli und Oktober einen Kursrückgang von fünf bis zehn Prozent an den Börsen auslösen können. Das ist jedoch kein Grund, Aktienbestände massiv zu verkaufen. Gewinne sollten jedoch abgesichert werden. Wer dagegen noch nicht investiert ist, findet interessante Einstiegschancen.

Amerikas Zollpolitik

Die eingeschlagene Zollpolitik der USA wird sich nach Einschätzung der meisten Nobelpreisträger der Volkswirtschaftslehre als Fehler erweisen. Freier Handel ist die Grundlage einer erfolgreichen Weltwirtschaft. Sonder- oder Strafzölle zum Schutz einzelner Märkte bewirken das Gegenteil. Wettbewerb ist der entscheidende Faktor für Wachstum und sorgt langfristig für Preisstabilität zugunsten der Verbraucher.

Künstliche Intelligenz

Die Angst vor Künstlicher Intelligenz teile ich nicht. Trotz berechtigter Fragen und möglicher Missbrauchsrisiken sehe ich vor allem Chancen. KI wird die Produktivität erhöhen, das Wirtschaftswachstum fördern und neue Investitionsmöglichkeiten schaffen. Gleichzeitig werden zwar bestehende Arbeitsplätze entfallen, es entstehen jedoch neue Berufsbilder. Der globale Arbeitsmarkt wird sich grundlegend verändern.

(Bildquelle: Pixabay / 12019)

Die US-Zwischenwahlen

Die größte geopolitische Herausforderung sehe ich Anfang November in den USA bei den Zwischenwahlen im Kongress, wo das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt werden. Es gibt Befürchtungen, dass das Weiße Haus versuchen könnte, demokratische Grundrechte im Umfeld dieser Wahlen einzuschränken und dadurch Einfluss auf das Wahlergebnis zu nehmen. Sollten diese Manipulationen stattfinden, wäre das eine Tragödie für die Demokratie – gerade in dem Jahr, in dem die USA ihr 250-jähriges Bestehen feiern.

Mein Ausblick

Trotz aller genannten Risiken gehe ich davon aus, dass die Börsenkurse zum Jahresende höher stehen werden als heute. Mein ursprüngliches Jahresziel von 7.700 Punkten für den S&P 500 dürfte sich sogar als zu niedrig erweisen. Auch 8.000 Punkte halte ich inzwischen für realistisch. Für den deutschen Markt bleibe ich bei meiner Prognose von 27.500 Punkten im DAX.

Gold, Bitcoin und Volkswagen

Gold bleibt nach dem deutlichen Rückgang vom Höchststand eine sinnvolle Depotbeimischung. Bei Bitcoin bleibe ich skeptisch. Für mich besitzt Bitcoin keinen inneren Wert. Rein markttechnisch ist das aktuelle Kursniveau jedoch für risikobereite Anleger kurzfristig interessant – allerdings mit maximal drei Prozent Depotanteil und gestaffelt in drei Tranchen.

Volkswagen (WKN: 766403 / ISIN: DE0007664039) wirft weiterhin viele Fragen auf. Das Management hat bislang kein überzeugendes Konzept präsentiert, wie das Unternehmen aus seiner schwierigen Lage herauskommen will. Trotzdem halte ich ein Kursniveau von rund 70 Euro für zu niedrig. Gegenüber den Höchstständen von über 250 Euro entspricht das einem Rückgang von mehr als 75 Prozent. Die Börsengeschichte zeigt immer wieder, dass Unternehmen, die scheinbar kurz vor dem Aus stehen, später eine deutliche Erholung schaffen können. Ein Beispiel dafür ist General Motors. Das Unternehmen stand kurz vor der Insolvenz, bevor Präsident Obama mit einem Rettungspaket die Grundlage für einen erfolgreichen Neustart schuf.

(Bildquelle: Heiko Thieme)

Ein Beitrag von Heiko Thieme
Er ist über 45 Jahre im internationalen Anlagegeschäft tätig und schrieb 16 Jahre als freier Kolumnist für die FAZ. Seit dem Jahr 1979 gibt es seine Marktanalysen und Einschätzungen sowie die älteste deutsche Börsenhotline. Heiko Thieme ist über zwei Portale für Anleger zu erreichen:
heiko-thieme.club und heiko-thieme.com

In seinem zuletzt erschienenen Buch „Zeitlos erfolgreich investieren“ erläutert Thieme seine  kontroverse, antizyklische Strategie. 

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