Warum die Fed keine Fehler machen darf

Erst der Sprung auf 100 US-Dollar je Barrel, dann ein Rückgang um zehn Prozent binnen eines Tages: Der Ölpreis sorgt kurz vor der nächsten Fed-Sitzung für maximale Unsicherheit. Während der Aktienmarkt die geopolitischen Risiken gelassen wegsteckt, schlägt der Anleihemarkt deutlich nervöser aus. Ein Blick auf die Zwickmühle, in der sich Kevin Warshs Fed gerade befindet.

(Bildquelle: Pressefoto Federal Reserve)

Am Montag ist der Ölpreis so schnell gefallen, wie er zuvor gestiegen war: Der Brent-Future gab zeitweise rund zehn Prozent nach, nachdem sich die Lage im Nahen Osten vorläufig entspannt hatte. Nur wenige Tage zuvor hatte der Ölpreis noch bei rund 100 US-Dollar je Barrel gelegen – ein Niveau, das noch Anfang Juli, als Brent bei etwa 70 Dollar notierte, kaum jemand für möglich gehalten hätte. Auslöser der Rally war die erneute Eskalation im Nahen Osten, die sämtliche Markterwartungen über den weiteren Inflationsverlauf ins Wanken brachte.

Ein Albtraumszenario für die Notenbank

Für Währungshüter kommt ein solcher Ölpreissprung zur Unzeit. Deutlich höhere Energiepreise können den Rückgang der Inflation verzögern und sogar das Risiko einer zweiten Inflationswelle erhöhen – und das ausgerechnet unmittelbar vor einer Zinsentscheidung der US-Notenbank. Die Hoffnung, den Höhepunkt der Teuerung bereits hinter sich gelassen zu haben, hat dadurch einen spürbaren Dämpfer erhalten.

Aktien gelassen, Anleihen nervös

Bemerkenswert ist dabei, wie unterschiedlich Aktien- und Anleihemärkte auf die geopolitischen Spannungen und Donald Trumps unberechenbaren außenpolitischen Kurs reagieren. Während der Aktienmarkt die Risiken bislang erstaunlich gelassen hinnimmt – viele Anleger werten Trumps Vorstoß gegenüber dem Iran eher als aggressive Verhandlungstaktik denn als Vorbote eines echten Krieges –, bewertet der Anleihemarkt die Lage merklich kritischer.

Die Renditen sind spürbar gestiegen. Das ergibt ökonomisch Sinn: Jede Eskalation bedroht die Schifffahrtswege im Nahen Osten und damit das Ölangebot, während Investoren gleichzeitig eine höhere Risikoprämie für langfristige US-Staatsanleihen verlangen – in einem Umfeld aus geopolitischer Unsicherheit und ohnehin hoher Staatsverschuldung.

Die Fed zwischen allen Stühlen

Wie sich der Nahost-Konflikt weiterentwickelt und welche Folgen er für die Inflation haben wird, lässt sich derzeit kaum verlässlich abschätzen. Genau deshalb dürfte die US-Notenbank noch stärker datenabhängig agieren und sich bewusst alle Optionen offenhalten. Auch der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh vermeidet bislang klare Signale zum nächsten Zinsschritt, um den geldpolitischen Spielraum möglichst groß zu halten. Das Ergebnis: eine an den Märkten ungewöhnlich gespaltene Erwartungshaltung.

Rund 30 Prozent der Anleger rechnen bereits für die kommende Sitzung mit einer Zinserhöhung, etwa 70 Prozent erwarten hingegen eine Zinspause – für einen Termin so kurz vor der Entscheidung eine bemerkenswert uneinheitliche Positionierung. Für September preist der Markt derzeit sogar eine Zinserhöhung ein. Entscheidend wird sein, wie Warsh die Inflationsdynamik und den jüngsten Ölpreisschub einordnet.

Was das für Aktienanleger bedeutet

Höhere Zinsen bleiben tendenziell Gegenwind für Aktien – besonders für hoch bewertete Technologiewerte, deren heutiger Kurswert stark von künftigen, dann stärker abgezinsten Gewinnen abhängt.

Gleichzeitig entzieht ein dauerhaft hoher Ölpreis der Realwirtschaft Kaufkraft. Der DAX gilt aufgrund seiner Branchenstruktur als anfälliger für einen solchen Schock als der US-Aktienmarkt, doch auch dort wächst der Druck, je länger sich der Ölpreis auf erhöhtem Niveau hält.

Das marktEINBLICKE-Fazit

Für neue Rekordstände an den Börsen braucht es vor allem eines: das Gefühl, dass die größten Risiken unter Kontrolle sind. Eine nachhaltige geopolitische Entspannung und ein spürbar fallender Ölpreis würden den Inflationsdruck lindern und der Fed unter Kevin Warsh wieder mehr geldpolitischen Spielraum verschaffen. Bis dahin bleibt die Gemengelage fragil – und Anleger tun gut daran, die Signale des Anleihemarkts mindestens genauso ernst zu nehmen wie die vermeintliche Gelassenheit der Aktienbörsen.

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