Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Nachrichten, die durch die Finanzpresse rauschen und danach wieder verschwinden, als wäre nichts gewesen. Zwei solcher Meldungen aus der jüngsten Zeit verdienen aus unserer Sicht deutlich mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommen haben. Nicht, weil sie spektakulär waren, sondern gerade weil sie so schnell wieder vergessen wurden.
Der erste Fall: Der Hedgefonds von KI-Investor-Wunderkind Leopold Aschenbrenner musste sein rund 16 Mrd. US-Dollar schweres, kreditfinanziertes KI-Aktienportfolio in aller Eile auflösen, nachdem seine gehebelten Wetten auf die Künstliche-Intelligenz-Branche nicht aufgingen. Die Reaktion der Märkte: ein paar Tage erhöhter Nervosität, dann Ruhe. Kaum jemand außerhalb der Finanzpresse hat davon überhaupt Notiz genommen.
Der zweite Fall liegt in Südkorea. Der dortige Leitindex verlor innerhalb von weniger als 48 Stunden mehr als 20 Prozent seines Wertes. Das ist ein Crash, wie man ihn sonst nur aus Krisenjahren kennt. Dann die Kehrtwende: Der Index erholte sich um 25 Prozent vom Tiefpunkt und beendete die Woche fast unverändert. Für viele Beobachter wirkt das wie der Beweis, dass Märkte funktionieren: Schock, Erholung, weiter geht’s.
Wir halten diese Interpretation für zu bequem.
Was unter der Oberfläche wirklich passiert
Analysten vom Deutsche Bank Research Institute haben sich die Ereignisse genauer angeschaut und kommen zu einem deutlich unbequemeren Schluss: Beide Vorfälle seien Symptome desselben Problems – nämlich eines über Jahre gewachsenen, hohen Verschuldungsgrads in ETFs, kreditfinanzierten Wertpapierdepots und Hedgefonds-Portfolios.
Möglich wurde dieser Schuldenberg durch mehr als ein Jahrzehnt außergewöhnlich niedriger und stabiler Zinsen, in dem sich viele Anleger daran gewöhnt haben, dass Kredit billig und Risiko überschaubar ist.
Besonders bemerkenswert und das ist die Zahl, bei der man kurz innehalten sollte – sollen in den vergangenen zwei Wochen mehr als 3 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Südkoreas einen Margin Call erhalten haben. Nicht 3 Prozent der Börsenanleger. 3 Prozent der gesamten erwachsenen Bevölkerung. Sollte sich diese Zahl bestätigen, wäre das kein kleines Randphänomen, sondern ein handfestes Warnsignal dafür, wie tief kreditfinanziertes Investieren inzwischen in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist.
Die Analysten warnen zudem, dass solche „Small-Vol“-Ereignisse – also kleinere, scheinbar harmlose Volatilitätsschocks – künftig häufiger auftreten dürften. Die Gründe: Das Zinsniveau hat sich normalisiert, geopolitische Spannungen nehmen zu, und die US-Notenbank hat sich weitgehend von ihrer früheren, sehr transparenten Kommunikationspolitik verabschiedet.
Gerade diese Berechenbarkeit hatte in den vergangenen Jahren viel dazu beigetragen, die Nerven der Märkte zu beruhigen. Fällt dieser Stabilitätsanker weg, dürfte es künftig ruckeliger werden.
Hinzu kommt ein blinder Fleck in der öffentlichen Debatte. Während sich die Diskussion fast ausschließlich um die wachsende Staatsverschuldung dreht, bleiben die Risiken in den Bilanzen privater Haushalte und auf kreditfinanzierten Depots weitgehend unbeachtet. Die eigentliche Sorge der Analysten liegt darin, dass Investoren, Unternehmen und Politik ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Vermeidung der nächsten großen Finanzkrise nach dem Muster von 2008 richten – und dabei übersehen, dass auch kleine, alltägliche Marktverwerfungen unter den richtigen Bedingungen eine Kettenreaktion auslösen können.
Unsere kritische Einordnung: ETF-Blindflug und KI-Verblendung
Wir wollen an dieser Stelle deutlich werden, denn genau hier zeigt sich ein Denkfehler, der uns seit einiger Zeit Sorgen macht. Viel zu viele Anleger folgen dem Reflex: „Ich kaufe einen ETF, das ist automatisch breit gestreut, also sicher.“ Diese Gleichung stimmt so pauschal nicht.
Ein ETF ist immer nur so diversifiziert wie der Index, den er abbildet, und wenn dieser Index zunehmend von wenigen, hoch bewerteten Technologie- und KI-Werten dominiert wird, kauft man mit einem einzigen Klick eben doch ein erhebliches Klumpenrisiko, nur eben hübsch verpackt in einem vermeintlich soliden Produkt. Die Ruhe an der Oberfläche, wie sie der Kospi zuletzt demonstriert hat, sagt eben nichts darüber aus, wie viel Hebel, Kredit und Nervosität sich darunter aufgebaut haben.
Noch kritischer sehen wir die nahezu religiöse Verblendung, mit der aktuell in alles investiert wird, was nach Künstlicher Intelligenz klingt. KI ist zweifelsohne eine der prägendsten technologischen Entwicklungen unserer Zeit, aber das macht sie nicht automatisch zu einer risikolosen Anlage.
Der zusammengebrochene Hedgefonds Situational Awareness aus unserem ersten Beispiel hat genau das schmerzlich erfahren müssen: Gehebelte Wetten auf einen Trend, egal wie überzeugend die Story dahinter ist, bleiben eine Wette. Wer sein gesamtes Depot, ob über Einzelwerte oder vermeintlich sichere ETFs, auf ein einziges Thema konzentriert, geht ein Risiko ein, das er sich häufig gar nicht bewusst macht.
Genau deshalb setzen wir auf Baustein-Aktien: solide, global diversifizierte Unternehmen mit stabilen Cashflows, echter Preissetzungsmacht und einer Geschäftshistorie, die auch schwierigere Phasen überstanden hat. Sie mögen im Vergleich zu einer heißlaufenden KI-Rallye weniger spektakulär wirken. Aber genau diese fehlende Aufregung ist ihr größter Vorteil: Sie bauen Vermögen über Jahre auf, ohne dass ein einzelner Margin Call gleich das gesamte Kartenhaus zum Einsturz bringt.
Unser mE-Fazit
Die Ruhe an den Märkten kann täuschen und die beiden „Small-Vol“-Ereignisse der vergangenen Wochen zeigen, wie viel Nervosität und Hebel sich unter einer scheinbar stabilen Oberfläche verbergen können. Statt blind auf ETFs oder den nächsten KI-Hype zu setzen, lohnt sich der nüchterne Blick auf das, was ein Depot wirklich stabil macht: Baustein-Aktien, also solide Unternehmen mit echter Substanz, die nicht von der nächsten Schlagzeile abhängen, sondern von langfristig verlässlichen Geschäftsmodellen leben.
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Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt
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