Die nächste Welle der Börsengewinner

KI-Boom hin oder her – ein DNB-Stratege erklärt, warum jetzt vier andere Branchen ins Rampenlicht rücken. Wenn der Hype pausiert und die Substanz übernimmt.

(Bildquelle: Pressefoto Deutsche Börse AG)

Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt diese Momente an der Börse, in denen man sich fast schon ein bisschen wehmütig an die eigene Hartnäckigkeit erinnert fühlt. Seit Jahren sagen wir an dieser Stelle: Baustein-Aktien – solide, global aufgestellte Unternehmen mit Preissetzungsmacht, verlässlichen Dividenden und Geschäftsmodellen, die auch dann noch funktionieren, wenn der nächste Hype längst wieder abgeklungen ist. Und siehe da: Ausgerechnet einer der bekannteren Vermögensverwalter liefert nun die Zahlen dazu, warum genau dieses Prinzip gerade wieder an Bedeutung gewinnt.

Knut Hellandsvik, Head of Equities bei DNB Asset Management, hat sich das erste Halbjahr 2026 genauer angeschaut – und was er findet, liest sich wie eine Blaupause für alles, was wir seit Jahren schreiben, nur eben in Fondsmanager-Sprache. Der Philadelphia Semiconductor Index, das Barometer der Chipbranche, ist um 93 Prozent gestiegen. Der Softwaresektor hingegen hat 14 Prozent verloren.

Die Sache mit der einen Karte

Wer im ersten Halbjahr also alles auf eine Karte gesetzt hat, konnte entweder ordentlich feiern – oder ziemlich schlecht schlafen. Genau das ist das Problem mit Klumpenrisiken: Sie fühlen sich so lange grandios an, bis sie es plötzlich nicht mehr tun.

Hellandsvik selbst formuliert es diplomatischer, aber im Kern trifft er den Nagel auf den Kopf: Für Anleger sei „entscheidend“ gewesen, auf welcher Seite dieser ungewöhnlich großen Entwicklung sie positioniert waren. Wir würden es weniger diplomatisch sagen: Wer sein gesamtes Depot auf den KI-Zug gesetzt hat, ist entweder Hellseher oder hatte schlicht Glück. Beides ist keine Anlagestrategie.

Die eigentlich interessante Botschaft des Kommentars liegt aber woanders: Die Marktführerschaft, so Hellandsvik, dürfte sich in der zweiten Jahreshälfte „weiter verbreitern“. Software, nach dem Kursrückgang wieder attraktiv bewertet. Konsumwerte, günstig und mit mehreren möglichen Katalysatoren – sinkende Ölpreise, nachlassende Inflation, eine US-Notenbank, die vielleicht doch nicht erhöhen muss. Und Gesundheit, ein Sektor, der zwar lange vor sich hin dümpelte, aber laut Hellandsvik seit einigen Wochen „erste Anzeichen einer Erholung“ zeigt – befeuert unter anderem durch die Medicare-Erstattung bestimmter Abnehmmedikamente, von der Novo Nordisk und Eli Lilly profitieren dürften.

Die Substanz ist immer entscheidend

Man könnte das Ganze zynisch zusammenfassen mit: „Auch DNB hat gerade entdeckt, was Value-Anleger immer schon wussten.“ Das wäre aber unfair, denn Hellandsvik liefert einen Punkt, der uns besonders gut gefällt – weil er unsere Kernthese mit Zahlen unterfüttert:

Samsung wird trotz voraussichtlich höchstem Nettogewinn aller Unternehmen weltweit nur mit dem Sechsfachen des Gewinns bewertet. Zum Vergleich: Cisco kam während der Dotcom-Blase zeitweise auf das 170-Fache. Die aktuelle KI-Rally ist also, bei aller berechtigten Vorsicht, nicht automatisch eine Wiederholung von 1999.

Aber – und das ist der Teil, den man beim Lesen sonniger Marktkommentare gerne überliest – bei Bewertungssprüngen wie bei SanDisk (plus 780 Prozent seit Jahresbeginn) reichen „bereits kleinere Enttäuschungen“, um erhebliche Kursreaktionen auszulösen. Klingt komfortabel diplomatisch. Heißt im Klartext: Wer hier zu spät und zu konzentriert einsteigt, kann sich schnell die Finger verbrennen.

Depot vs. Wette

Und damit sind wir wieder bei unserem Lieblingsthema. Wir wollen gar nicht oberlehrerhaft klingen – KI-Aktien sind, das sagt auch Hellandsvik, eine „sinnvolle Anlage“. Niemand muss sie meiden. Aber ein Depot, das überwiegend aus einem einzigen Zukunftsversprechen besteht, ist kein Depot, sondern eine Wette. Das galt für Biotech-Werte während Corona, als jeder impfstoffnahe Wert scheinbar über Nacht zum sicheren Investment mutierte – und es gilt heute für Rechenzentren, Speicherchips und alles, was nach „KI-Infrastruktur“ klingt.

Was uns an Hellandsviks Analyse besonders gut gefällt: Er beschreibt letztlich eine Rückkehr zur Normalität. Die sogenannten Magnificent Seven sind im laufenden Jahr als Gruppe leicht gefallen, weil einige der großen Techkonzerne ihre Aktienrückkäufe reduzieren und dafür massiv in Infrastruktur investieren – teils sogar auf Kredit. Kapital fließt zunehmend in andere Regionen, Branchen und Unternehmensgrößen, auch nach Europa, auch in kleinere Unternehmen.

Das ist im Grunde nichts anderes als das, was ein ausgewogenes Depot immer schon ausgemacht hat: Streuung über Branchen, Regionen und Geschäftsmodelle hinweg, getragen von Unternehmen mit echten, wiederkehrenden Gewinnen statt bloßer Kursfantasie.

Unser mE-Fazit

Genau hier schließt sich der Kreis zu unseren Baustein-Aktien. Ob Softwarekonzern, Konsumgüterhersteller, Bank oder Pharmaunternehmen – entscheidend ist nicht, auf welcher Welle man gerade surft, sondern ob das Unternehmen auch dann noch Geld verdient, wenn die Welle sich gelegt hat.

Hellandsvik bringt es selbst auf den Punkt, wenn er schreibt, dass „ein größerer Teil der zukünftigen Rendite“ künftig aus echtem Gewinnwachstum kommen müsse und weniger aus immer höheren Bewertungsmultiplikatoren. Das ist, mit anderen Worten, die Investmentphilosophie, die wir an dieser Stelle seit Jahren vertreten, nur eben mit dem Charme eines waschechten Skandinaviers verpackt. Kurz um:

Ob Chip-Rally, KI-Hype oder Biotech-Fieber während Corona – der Markt liebt seine Lieblingsthemen, und irgendwann verlieben sich Anleger darin ein bisschen zu sehr. Genau deshalb setzen wir seit Jahren auf Baustein-Aktien: solide, ausgewogene Unternehmen, die nicht von der nächsten Modewelle abhängen, sondern von echten, wiederkehrenden Gewinnen leben. KI-Werte dürfen und sollen im Depot vorkommen – als ein Baustein unter vielen, nicht als Fundament. Wer breit streut statt zu wetten, kommt am Ende ruhiger und meist auch besser durch jede Marktphase.

Ihre marktEINBLICKE-Herausgeber

Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt

P.S. Alle Daten der Daten der kommenden Handelswoche und Prognosen finden Sie in unserem Wirtschaftskalender.

Vertrag widerrufen