Kein „Cruel Summer“ für den Aktienmarkt

Eine wachsende Weltkonjunktur, inflationsentspannende Tendenzen und zinspolitische Zurückhaltung der Fed sorgen für sonnige Börsenstimmung.

(Bildquelle: Pressefoto Deutsche Börse AG)

Die Sommerpause an den Aktienmärkten fällt in diesem Jahr offenbar aus. Zwar hält der Iran-Konflikt hartnäckig an und ist eine absehbare Lösung nicht in Sicht. Doch sorgen eine wachsende Weltkonjunktur, inflationsentspannende Tendenzen und zinspolitische Zurückhaltung der Fed für sonnige Börsenstimmung. Dazu trägt neben High-Tech-Werten ebenso die Marktverbreiterung durch old economy und aussichtsreiche Schwellenländer wie Brasilien bei.

Trotz allem will die Weltkonjunktur wachsen

Auch wenn sich im Iran-Konflikt und bei der Normalisierung von Energielieferrouten bislang keine Lösungen abzeichnen, liest man an den Konjunkturerwartungen des Analyse-Instituts Sentix dennoch eine weitere weltweite Stabilisierung für die nächsten sechs Monate ab.

Anziehende Industrieaufträge vor allem aus dem Ausland lassen selbst die deutsche Exportwirtschaft profitieren, die aktuell einem erhöhten Liefer-Stresstest durch die niedrigen Pegelstände auf deutschen Flüssen ausgesetzt ist.

In den USA erreicht der ISM Index für das Verarbeitende Gewerbe mit stark steigender Produktion und Neuaufträgen den höchsten Stand seit Mai 2022. Flankiert wird die Renaissance der US-Industrie von einem stabilen Dienstleistungssektor. Der Superzyklus der KI-Infrastruktur – Energieversorgung und Stromnetze, Bauwirtschaft, Industrie und Automatisierungstechnik, Beratungs- und IT-Dienstleistungen – ist als maßgeblicher Wirtschaftsstabilisator sehr intakt.

Die KI-Konkurrenz birgt für Neueinstellungen am amerikanischen Arbeitsmarkt allerdings Unsicherheiten. Ein zuletzt schwächeres Beschäftigungswachstum unterstreicht dies ebenso wie die mit 61,4 geringste Erwerbsbeteiligungsquote seit Ende der 1970er Jahre mit Ausnahme der Corona-Zeit. Arbeitslose ziehen sich wegen mangelnder Perspektiven und Qualifikationslücken teilweise ganz vom Arbeitsmarkt zurück.

Wegen des Rückgangs der Erwerbsbeteiligung blieb die Arbeitslosenquote niedrig. Allerdings läge die US-Arbeitslosenquote bei im Vorjahresvergleich unveränderter Erwerbsbeteiligung ansonsten bei über fünf statt 4,1 Prozent.

Zinserhöhungserwartungen geht die Puste aus

Unter diesen Bedingungen am Arbeitsmarkt, der große Bedeutung für die wirtschaftlich dominierende Binnennachfrage hat, ist eine Zinserhöhung der Fed im Herbst kein Thema.

Sicher bewegt sich die amerikanische Inflation weiter nicht im grünen Bereich. Doch ist der Trend immerhin abwärtsgerichtet.

Unter Berücksichtigung, dass die Preisauswirkungen von US-Zöllen zunehmend aus dem Vorjahresvergleich herausfallen und die Mietsteigerungen sowie das Lohnwachstum nachlassen, verlieren die Argumente für Zinserhöhungen weiter an Gewicht. Das gilt noch mehr perspektivisch, wenn ab Februar 2027 der energieseitige Preisdruck gegenüber 2026 ausläuft.

Insofern dürfte die Fed auch über September hinaus von Zinserhöhungen Abstand nehmen. Eine einmalige „Anstands-Erhöhung“ des neuen Fed-Chefs Kevin Warsh wäre aber auch nicht tragisch. Auch die Zinserhöhungserwartungen an den Terminmärkten bilden sich weiter zurück. So verliert auch das klassische Argument gegen Gold, wonach das Edelmetall keine Zinsen zahlt, an Gewicht.

Marktlage – Mehr Value wagen

Zwar gibt es zwischenzeitliche Irritationen am US-Anleihemarkt. Diese gehen nicht zuletzt auf das Konto einer nun deutlich zurückhaltenderen Fed-Kommunikation, an die sich die Märkte erst gewöhnen müssen.

Grundsätzlich ist jedoch davon auszugehen, dass die US-Geldpolitik im Bedarfsfall schwerwiegenden Verwerfungen entgegenwirkt. Die Fed hat inflationär bewiesen, dass sie, abseits ihrer bekundeten Inflationsbekämpfung, tatsächlich der Konjunktur- und Finanzstabilität Priorität einräumt.

Überschaubare Störmanöver der Zins- und Renditeseite zahlen auf das Konto von Aktien ein. Das verleiht insbesondere konjunkturabhängigen Titeln Potenzial, die sich vor allem im Russell 2000 finden. Dieser hat ein Allzeithoch erreicht. Sie sind finanzierungsabhängiger und reagieren empfindlicher auf Zinsbewegungen als großkapitalisierte Blue Chips, die sich maßgeblich aus der eigenen Tasche finanzieren.

Damit nimmt die einseitige Ausrichtung auf High-Tech ab, was dem Aktienmarkt mehr Breite und damit Kursstabilität gibt.

Ohne Zweifel hat ebenso Europa attraktive Value-Werte, die klassische old economy. Industrietitel profitieren weltweit diversifiziert von attraktiven Produktions- und Absatzstandorten. Der Bau- und Grundstoffsektor kommt in den Genuss öffentlicher Aufträge für Infrastruktur. Finanztitel bieten robuste Bilanzen, steigende Zinsmargen sowie wachsendes Kapitalmarktgeschäft.

Obwohl höhere Energiekosten belasten, wird diese Entwicklung auch durch Unternehmensgewinn unterstrichen. Beim DAX legten diese im zweiten Quartal um etwa 11 Prozent zum Vorjahreszeitraum zu, genährt auch durch Kostensenkungen. Das ist der höchste Zuwachs seit Ende 2023. 70 Prozent der berichtenden Unternehmen übertrafen sogar die Einschätzungen. Gewinnstärke zeigte sich vor allem in den Branchen Industrie, Chemie und Technologie. Die Kehrseite ist allerdings bislang die Automobilbranche. Der Analystenkonsens erwartet eine weitere Beschleunigung des Gewinnwachstums auch in Gesamteuropa.

Mehr Samba an Brasiliens Börsen?

Aufgrund der perspektivisch wenig restriktiven Zinspolitik der US-Notenbank atmen die Schwellenländer auf, da ein folglich weniger starker US-Dollar im Trend deren Währungen, z.B. den brasilianischen Real, stabilisiert und so der Kapitalflucht nach Amerika entgegengewirkt wird.

Apropos Notenbank, die brasilianische Notenbank hat frühzeitig auf Inflationsbekämpfung gesetzt. Das verschaffte ihr Spielraum für Zinsentspannung, die über größere Investitionsbereitschaft zur binnenwirtschaftlichen Erholung beitrug.

Sinkende Finanzierungskosten und steigende Kreditnachfrage wiederum kommen Finanzwerten zugute, die mit rund 40 Prozent den MSCI Brazil Index dominieren. Da Öl-, Metall- und Bergbau-Titel einen Anteil von rund 30 Prozent einnehmen, profitiert der Index zugleich von der Preisstabilisierung bei Rohöl und Industriemetallen. Denn eine wachsende Weltwirtschaft mit dem rasanten Ausbau der Infrastruktur und auch z.B. das EU-Mercosur-Abkommen erhöhen die Rohstoffnachfrage. Vor allem der rasante globale Ausbau von KI-Datencentern hält die Nachfrage nach Kupfer hoch. Brasilien ist somit der indirekte Profiteur der KI-Fantasie. Das bietet Brasilien auch einen Trumpf gegenüber einer protektionistischen Politik von Trump.

In der Tat zeigt sich auch aktuell erneut die positive Korrelation von Rohstoffen und brasilianischem Aktienmarkt.

Die brasilianischen Konsumgüterhersteller fungieren aufgrund solider Bilanzen und starken Marktpositionen als defensive Börsenanker. Überhaupt zeichnet sich der Bovespa-Index traditionell durch hohe Ausschüttungsquoten mit einer Dividendenrendite von gut sechs Prozent aus. Und im Vergleich zum breiten Schwellenländerindex sowie zum eigenen 20-Jahres-Durchschnitt sind brasilianische Aktien auch noch moderat bewertet, was für Nachholpotenzial spricht.

Wo Licht ist, gibt es aber auch Schatten. Die massive staatswirtschaftliche Orientierung von Präsident Lula da Silva, teilweise garniert mit sozialistischen Neigungen, wirkt wie ein Hemmschuh auf das Wirtschaftswachstum. Die Präsidentschaftswahl im Oktober bietet unter dem Gegenkandidaten Bolsonaro die Chance auf mehr Marktwirtschaft. Bis zur Wahl wird Brasiliens Aktienmarkt ein Spielball von Wahlumfragen sein, bei denen aktuell der Amtsinhaber die Nase vorn hat.

Insgesamt jedoch, mit der Rohstoffseite stellt die brasilianische Börse nicht zuletzt ein risikodiversifizierendes Gegengewicht zu den technologielastigen asiatischen Schwellenländern dar. Den brasilianischen Markt nutzen globale Investoren als sachkapitalistischen Zufluchtsort aber auch, um sich gegen amerikanische KI-Volatilität und allgemeine geopolitische Unsicherheiten abzusichern.

Längerfristig orientierte Anleger sollten mehr Samba im Depot zulassen.

Sentiment und Charttechnik DAX – FOMO

Nach den jüngsten Allzeithochs zieht die Angst, nicht dabei zu sein (FOMO = fear of missing out), immer mehr Anleger an. Der gemäß Umfrage der American Association of Individual Investors im neutralen Bereich liegende Anteil der Optimisten abzüglich des der Pessimisten lässt jedoch aktuell nicht auf blinde Anleger-Euphorie schließen. Korrekturen sind möglich, halten sich aber in Grenzen.

Beruhigend wirkt ebenso die aktuell verhaltene Volatilität. Schnäppchenjäger werden bei zwischenzeitlichen Rücksetzern zuschlagen und die Aktienmärkte nach unten absichern.

Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben die nächsten Widerstände im DAX bei 26.393, 26.490, 26.575 und 26.635 Punkten. Im Falle einer Gegenbewegung bieten die Marken bei 26.250, 26.220, 26.115, 26.080 sowie 26.000 Punkten Unterstützung.

RobertHalverEin Beitrag von Robert Halver.

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725.

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