Aktuell wollen sich Zinsanleger nicht mehr mit den lange von der Fed künstlich gedrückten Zinsen zufriedengeben. Sie fordern Renditen, die zur Realität der überschuldeten USA passen. Ist damit der langjährige Burgfrieden an den Zinsmärkten beendet, der zu Schmerzen in der ganzen Finanzwelt führen würde?
Nichts in der Finanzwelt ist schockierender als die Schulden-Realität
Als Ronald Reagan am 20. Januar 1981 das Amt des Präsidenten übernahm, lag die US-Staatsverschuldung unter einer Billion, das Haushaltsdefizit bei knapp 80 Mrd. US-Dollar, die Zinszahlungen im Gesamtjahr bei 95 Mrd. und der Anteil der Verschuldung an der Wirtschaftsleistung bei 32 Prozent.
Schon damals sprach man vom überschuldeten Amerika. Peanuts! Bei über 40 Bill. liegt die Staatsverschuldung heute. In den letzten 10 Jahren hat sie sich verdoppelt. Und von 39 auf 40 Bill. brauchte es nur fünf Monate. Das Haushaltsdefizit 2026 wird bei etwa zwei Bill., die Zinszahlungen bei knapp 1,4 Bill. bzw. bei 3,7 Mrd. pro Tag und die Defizitquote bei ungefähr 125 Prozent liegen.
Ist Besserung in Sicht? Ja, wenn alle Streuobstwiesen unkrautfrei werden. Nein, US-Haushaltsexperten erwarten 2031/2032 rund 50 Bill. und 2045 100 Bill.
Zur Ehrenrettung Amerikas ist zwar zu sagen, dass der dramatische Schuldenaufbau auch Steuersenkungen und Zukunftsinvestitionen zugutekam, was das Wirtschaftswachstum antrieb und der Verschuldungsquote entgegenwirkte.
Doch muss festgehalten werden, dass jede US-Regierung die Schuldenvöllerei in guten Zeiten nicht konsequent durch Einsparungen wieder kompensierte. Es wäre bei Wählern nicht gut angekommen.
Grund für Häme gegenüber Amerika besteht aber nicht. Auch andere Länder haben ihre schönen Stabilitäts- längst durch Schmuddelkleider ersetzt. So bewegt sich das frühere Stabilitäts-Musterland Deutschland auf 80 Prozent Schuldenquote zu. Das ist im internationalen Vergleich immer noch ordentlich. Wenn aber die Wirtschaft weiter unterdurchschnittlich oder gar nicht wächst, fehlen die Mittel für den Schuldendienst. Dann ist auch unser Triple A-Rating irgendwann in Gefahr.
Insgesamt, laut Institute of International Finance (IIF) belaufen sich die Schulden aller Staaten, Unternehmen und privaten Haushalte weltweit aktuell auf rund 353 Bill. US-Dollar. D.h., wenn im Durchschnitt aller Kredite die Zinsen auch nur um einen Prozentpunkt steigen würden, erhöht dies die jährliche Zinslast um 3,5 Bill. US-Dollar.
Murphys Law an den Zinsmärkten
Wen man von Schulden spricht, muss man auch von Zinsen sprechen. Beides gehört zusammen wie Pech und Schwefel. Solange Zinsen niedrig sind – im besten Fall nahe null wie zur Zeit der Corona-Pandemie – sind Schulden fast ohne Nebenwirkungen.
Ohnehin hat Amerika einen riesigen Vorteil. Da der US-Dollar die globale Reserve-, Handels- und Rohstoffwährung ist, gibt es weltweit eine automatische Nachfrage nach US-Staatsanleihen, so dass man sich üppig und günstig refinanzieren kann.
Lange war auch Japan eine starke Liquiditätsmaschine für US-Staatspapiere. Japans Renditen waren extrem niedrig und der Yen schwach, so dass es sich lohnte, Geld im goldenen Westen anzulegen.
Nicht zuletzt stand immer die US-Notenbank bereit, wenn wie 2008 bei der Finanzkrise oder während der Pandemie heftige Konjunktur- und Finanzkrisen drohten. Mit Anleihekäufen und Zinsdrückungen wurde die zur Krisenabwehr massive Verschuldung von zwei Seiten in die Zange genommen und Schuldentragfähigkeit sichergestellt. Happy Hour pur!
Zum Schwur kommt es aber, wenn sich die Rahmenbedingungen in toto verschlechtern.
Zunächst ist der Iran-Konflikt mit Auswirkungen auf die Energieverteuerung alles andere als vorbei, s. der amerikanische „Economic D-Day“. Sowieso verharrt die Inflation oberhalb des Zielwerts der Fed, so dass Investoren höhere Risikoaufschläge verlangen.
Es schwächt sich aber auch der japanische „Golfstrom“ Richtung USA ab. Japan bietet jetzt selbst attraktive Zinsen. Und eine fortgesetzte Yen-Abschwächung zur Eindämmung der importierten Inflation ist ebenso unerwünscht. Gleichzeitig nimmt die Neigung anderer Länder ab, Reserven in US-Papieren zu halten. Denn zunächst wird immer mehr deren Bonität hinterfragt. Die allgemeine Reputation Amerikas hat durch so manches Husarenstück aus dem Weißen Haus ohnehin gelitten. Ein politisches Risiko sind auch die US-Zwischenwahlen im November. Sollten die Demokraten zumindest das Repräsentantenhaus gewinnen, könnte amerikanische Regierungspolitik noch chaotischer werden. Wer im Glashaus sitzt und das Geld anderer Leute braucht, sollte nicht mit Steinen werfen.
Erschwerend kommt ein renditetreibender Verdrängungswettbewerb hinzu. Über eine außergewöhnlich hohe Emissionstätigkeit von Unternehmen, insbesondere zur Finanzierung von KI, konkurrieren Unternehmens- mit Staatsanleihen. Tatsächlich sind die Auktionen von US-Bonds zuletzt sehr schleppend verlaufen.
Selbst die Fed scheint ihr Rettungssyndrom abschwächen zu wollen. Kevin Warsh will das Abschmelzen von Anleihen aus der Notenbankbilanz verstärkt fortsetzen.
Vor diesem Gesamthintergrund verlangen Anleger eine höhere Entschädigung, wenn sie Amerika Kapital leihen. Die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen sind seit Juni deutlich angestiegen und haben bei 30-jährigen Laufzeiten Niveaus erreicht, die zuletzt Anfang der 2000er-Jahre zu sehen waren. Damit erhöhen sich ebenso die Kreditzinsen der gesamten US-Volkswirtschaft, nicht zuletzt die so wichtigen Bauzinsen.
Die US-Regierung bekämpft nur Symptome, aber nicht die Ursache
In der Folge verschlechtert sich die Schuldentragfähigkeit der USA, was das US-Finanzministerium fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Daher will es sich bis Ende Herbst kurzfristig verschulden, um gezielt langlaufende Staatsanleihen aufzukaufen. Das Signal, dass die Regierung zu hohe Anleiherenditen verhindern will, führte zu entsprechend positiven Marktreaktionen.
Vorübergehende Symptombehandlung ist aber keine seriöse Ursachenbekämpfung durch die Regierung, die immer noch meint, Zolleinnahmen wären die langfristige Lösung. Sie sind aber nur ein Tropfen auf den heißen Schulden-Stein.
Viele Marktteilnehmer befürchten fiskalische Dominanz: Sollten diese manipulativen Umschuldungsaktionen der Regierung regelmäßig angewendet werden, könnte der Eindruck aufkommen, dass die Fed diese durch Zinserhöhungsverzicht abzusichern hat. Dann drohte ein massiver Vertrauensverlust in die Unabhängigkeit der Fed, in den US-Dollar und die US-Finanzmärkte.
Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von der Fed ein Lichtlein her
Unabhängig von einer seriösen und nachhaltigen US-Schuldenpolitik, die nicht zu erwarten ist, bleibt die Geldpolitik gefragt. Sie ist als unabhängige Instanz weniger befangen und hat ohnehin langjährige Übung in der Rettung der Finanzwelt.
Im Moment gibt sie sicherlich in ihrer Zinspolitik ein unklares Bild ab. Unter Kevin Warsh sucht sie noch die Balance zwischen Stabilitätsanspruch und pragmatischem Eingreifen. Wenn die Refinanzierungsprobleme Amerikas jedoch zu groß werden, wird sie sich aber erneut, auch durch eine wieder offensivere Kaufpraxis von Anleihen, als letzten Rettungsanker zeigen.
Tatsächlich müssen sich die Anleger doch fragen, warum seit 2008 – bei einer damaligen Staatsverschuldung von etwa 10 Bill. Dollar – die Finanzwelt konsequent vor dem Untergang gerettet wurde, wenn heute die Fallhöhe bei dem Vierfachen dramatisch höher ist.
Es gibt keinen Weg mehr zurück. Der point of no return ist längst erreicht. Es ist wie mit der Jugend. Sie kommt nicht mehr wieder. Es ist ja verständlich, dass sich die Fed anders äußert. Doch die Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
Die anhaltende Rettungsmission – und man muss es immer wiederholen – erlaubt abseits verbaler Schwüre keine konsequente Inflationsbekämpfung.
Staatliche und private Schulden, Preissteigerungen und weiter künstliche Zinsarmut lassen die Stabilitätsanlagen Gold und Kryptowährungen (Trump ist offen für eine Vergrößerung der US-Bitcoin-Reserven) glänzen und sind für Aktien wie ein Elfmeter ohne Torwart.
Wir können zwar nicht mehr von Stabilität reden, aber die Schuldenkrise bleibt aus, weil sie ausbleiben muss. Grämen wir uns nicht. Lassen wir die Schuldenumstände positiv für unsere sachkapitalistischen Anlageformen arbeiten.
Ein Beitrag von Robert Halver.
Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.
Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725.
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