Die Energiekrise nimmt weiter Fahrt auf. Nicht nur die Straße von Hormuz, sondern auch die Alternativrouten im Nahen Osten fallen als Lieferweg für Öl und Gas durch Angriffe immer mehr aus. Die folglich steigenden Energiepreise nähren wiederum die Inflations-, Zins- und Konjunkturgefahren. Mangelnde politische Weisheit kann offensichtlich viel Schaden anrichten. Eine Lösung der Krise ist zumindest aktuell ein Ding der Unmöglichkeit. Eher scheint ein Kamel durch ein Nadelöhr zu gehen.
Die Energiekrise 2026 ist politisch selbstverschuldet – Jetzt ist guter Rat teuer
Teheran genießt es, dass Trump seine militärischen und wirtschaftlichen Ziele aufgrund der Größe und Topografie des Irans nicht erreichen kann. Und so wird Teheran dem US-Präsidenten nicht entgegenzukommen, erst recht nicht vor den Zwischenwahlen, bei denen Trump nach Umfragen – wegen Kriegsskepsis und massiv gestiegener Spritpreise – mindestens das Repräsentantenhaus an die Demokraten verliert.
Vorerst bleibt die Straße von Hormuz für Öl- aber auch Gaslieferungen verstopft wie ein Abfluss im Badezimmer.
Zwar verfügen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate über alternative Pipelines, die ihre Produktionsanlagen mit alternativen Häfen am Roten Meer und im Golf von Oman verbinden. Da jedoch die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen aktuell die jemenitische Küste am Roten Meer sowie die strategische Insel Perim an der Meerenge Bab al-Mandab kontrollieren, ist diese Ausweichroute mittlerweile ebenfalls blockiert.
Amerika wurde zwar von Saudi-Arabien gebeten, den Transportweg über das Rote Meer militärisch freizumachen. Doch scheut die US-Regierung die Kriegsausweitung, zumal den Amerikanern durch den bisherigen Dauerbeschuss des Irans die Munition ausgeht.
Ebenso ist der Transportweg von den Ölfeldern in Abu Dhabi zum Golf von Oman mit anschließender Lieferung über den Indischen Ozean beeinträchtigt. Auch dieser Lieferweg befindet sich grundsätzlich in Reichweite iranischer Raketen und Drohnen. Im Übrigen zieht der Iran das geplante Iran-Oman-Abkommen in die Länge, das eine neue Schifffahrtsroute in der Straße von Hormuz zum Ziel hat.
Generell erschwerend kommt hinzu, dass aufgrund von Angriffen auf Frachter in der Region internationale Transport- und Versicherungsunternehmen die Policen für Tanker weitgehend ausgesetzt haben. Und ohne Versicherungsschutz riskieren Großreeder keine Durchfahrten mehr.
Als nächste Alternative böte sich der nordwestliche Weg durch den Suezkanal ins Mittelmeer an, um dann das schwarze Gold um Afrika und das Kap der Guten Hoffnung herum nach Asien zu transportieren. Zunächst wären Zeit- und Kostenaufwand drastisch höher. Die bisherige Route z.B. bis Südkorea würde sich von 24 auf 54 Tage mehr als verdoppeln. Und längere Seereisen steigerten den Treibstoffverbrauch, die Nachfrage nach Öltankern, die Versicherungskosten und die Frachtraten.
Ohnehin, den Suezkanal können voll beladene Schiffe aufgrund ihres extremen Tiefgangs nicht passieren. Die Suezkanal-seitige Problemlinderung wird die Größenordnung und Effizienz der direkten Schifffahrtsrouten über Hormuz und das Rote Meer nie ersetzen können.
Und neue große Pipeline-Projekte wie durch den Irak in die Türkei oder quer über die Arabische Halbinsel nach Israel würden auch aufgrund politischer Probleme miteinander wohl Jahre dauern.
Theoretisch bestünde die Möglichkeit, Energie aus Russland zu importieren. Wegen westlicher Sanktionen ist diese Möglichkeit aber praktisch verbaut. Daher leitet Moskau seine Lieferungen mit großen von China erzwungenen Preisnachlässen fast vollständig nach Asien. So kommen dort ansässige Produzenten in den Genuss eines preislichen Wettbewerbsvorteils gegenüber Europa.
Zwar wird auch Europa über die russische Schattenflotte oder über Weiterverkäufe aus Indien indirekt mit teurem Öl versorgt. Doch will die EU jetzt auch dieses Schlupfloch schließen.
Und was ist mit Lieferungen aus den USA oder Venezuela? Um in nennenswertem Umfang venezolanisches Öl zu fördern, müssen zuerst die völlig veralteten Anlagen erneuert werden. Das wird Jahre dauern.
Und selbst Amerika als größter Ölproduzent der Erde und mutmaßlicher globaler „Supplier of Last Resort“ kann das Loch im Weltmarkt nicht stopfen. Das theoretisch ölreiche Amerika ist praktisch „ölarm“, was Preise an amerikanische Zapfsäulen unter Beweis stellen. So mussten die USA ihre strategischen Ölreserven zuletzt deutlich zurückfahren, um die Nachfrage einigermaßen zu decken.
Ohnehin ist Rohöl nicht weltweit gleich. So produzieren die USA durch Fracking sogenanntes leichtes, süßes Öl. Die Raffinerien in Asien und Europa sind jedoch technisch auf das schwere, saure Öl aus dem Nahen Osten ausgerichtet und können nicht zügig umgestellt werden. Um leichtes US-Öl in großen Mengen effizient zu verarbeiten, müssten Großraffinerien ihre Anlagen zeitaufwendig und für Hunderte Millionen Dollar umbauen.
Insgesamt, zurzeit scheint Murphys Öl-Gesetz zu gelten: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. Ein sich verknappendes Angebot lässt vorerst kein Ende der Energiekrise zu, was die geopolitische Risikoprämie für Öl ebenso hochhält wie Inflations- und Zinsdruck. Das Überschreiten des Jahreshochs von ca. 120 Dollar pro Barrel Öl Brent ist möglich. Dabei können die „armen“ Notenbanken mit Blick auf Konjunktur- und Überschuldung kein Interesse an Zinsrestriktionen haben.
Es gibt kein größeres Leid als das, was man sich selbst antut
Natürlich war der Nahe Osten immer ein Wespennest. Dennoch hatte Donald Trump keine Hemmungen, hineinzustechen, weil er glaubte den Iran ähnlich unterwerfen zu können wie Venezuela. Und jetzt geht es um die Quadratur des Kreises, die Straße von Hormuz und das Rote Meer als Lieferwege wieder zu öffnen, die vorher offen waren. Trump hat das von Washington seit 1979 glaubhaft aufgebaute Narrativ, dass die USA den Iran – wenn nötig – militärisch in die Knie zwingen können, ohne Not vergeudet. Geopolitisch hat sich Amerika blamiert und wirtschaftlichen Schaden angerichtet.
Durch die selbstverschuldete Energiekrise wurde Kaufkraft vernichtet und der Welt die Brisanz unsolider US-Haushaltsführung vorgeführt. Übrigens, die von Trump in Aussicht gestellte Wählerprämie von jeweils 5.000 US-Dollar würde die Staatsverschuldung um weitere knapp 1,3 Bill. erhöhen. Jetzt werden hochbedenkliche Verrenkungen seitens des Finanzministeriums unternommen, um dem Renditeanstieg am langen Ende angesichts der Verschuldungssünden entgegenzuwirken. Doch während die Fed die Bazooka besitzt, hat Finanzminister Bessent leider nur eine Wasserpistole.
Ja, jetzt ist guter Rat teuer
Der Iran versucht zwar Trump vorzuführen. Doch kann auch Teheran dieses Spiel nicht ungebremst fortsetzen, da das Land auf Energieeinnahmen dringend angewiesen ist. Und auch Asien, vor allem Teherans Verbündeter China, hat ein Interesse an Konflikteindämmung, damit das Öl aus dem Nahen Osten wieder möglichst ungehindert fließt.
Europa und speziell Deutschland könnten, bis wieder bessere Energiezeiten anbrechen, die Energiesteuern senken. Mögen die ideologischen Bretter abfallen. Ohnehin haben wir mit die höchsten Benzinpreise der Welt. Und aufgrund der bislang sehr schwach befüllten Gasspeicher kommt Anfang 2027 für viele eine dicke Heizkostennachzahlung hinzu.
Hoffnung auf Entspannung könnte sich ebenso nach den Zwischenwahlen ergeben. Würde Donald Trump nach den Wahlen zur lame duck, sozusagen zu Donald Duck, werden seine ihm bisher treu ergebenen Anhänger Absetzbewegungen einleiten, um als Präsidentschaftskandidaten ohne Trumpschen Stallgeruch dazustehen. Wenn Trump verblüht, verduften seine Jünger. Politik ist nun mal ein schmutziges Geschäft. Mit Blick auf den Wählerwunsch nach sinkenden Ölpreisen und Inflation sowie einem Kriegsende wird die Gesprächsbereitschaft realpolitisch zunehmen.
Ronald Reagan war immer so weise, dass er den Iran nie massiv angegriffen hat. Politik ist immer die Kunst des Möglichen. Aber nicht jeder Politiker ist immer ein Künstler.
Ein Beitrag von Robert Halver.
Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG. Das Haus mit Sitz in Unterschleißheim bei München ist eine der führenden Investmentbanken in Deutschland und Marktführer im Handel von Finanzinstrumenten. Halver beschäftigt sich seit 1990 mit Wertpapieren und Anlagestrategien.
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