Wenn selbst hohe Rentenprognosen nicht beruhigen

Zwischen Branchenumbruch, Politikversagen und demografischem Wandel wächst die Skepsis. Warum sich Rentenbeiträge trotzdem lohnen und weshalb niemand mehr auf nur eine Säule setzen sollte.

(Bildquelle: unsplash / Towfiqu barbhuiya)

Die Renteninformation zeigt 3.500 Euro. Klingt gut – wäre da nicht der Zweifel, ob das System überhaupt noch trägt. Zwischen Branchenumbruch, Politikversagen und demografischem Wandel wächst die Skepsis. Warum sich Rentenbeiträge trotzdem lohnen und weshalb niemand mehr auf nur eine Säule setzen sollte.

Haben Sie dieses Jahr wieder eine Rentenprognose erhalten? Dann haben Sie sie hoffentlich gelesen, abgeheftet und sich gefreut. Letzte Woche hatte ich einen Mandanten in der Beratung, dessen Renteninformation eine spätere Rente von gut 3.500 Euro prognostizierte. Aber er freute sich nicht.

Vermutlich erhalten alle Kolleginnen in seinem Großraumbüro ähnliche Prognosen. Doch ihre Branche ist im Umbruch, Stellen werden abgebaut, die Unsicherheit ist hoch. Die Politshow zur Rentenreform verfolgen die jungen Leute mit einer Mischung aus Wut und Resignation. Als Generation fühlen sie sich über den Tisch gezogen, um ihre Zukunft betrogen von Rentnern, die machthungrigen Politikern mit dem Entzug von Wahlstimmen drohen.

Ob sich denn eine Einzahlung ins Rentensystem überhaupt noch lohne, möchte mein Mandant wissen. Ich gebe zu, ich habe auch schon einen Beitrag gepostet, der meine damaligen Einzahlungen in die gesetzliche Rente mit der alternativen Anlage in einem DAX-ETF oder in meinem eigenen Musterdepot verglich. Aus 307.000 € Rentenbeiträgen wären mit deutschen Aktien 682.000 € geworden und im Musterdepot 1.089.000 €. Bei gleichbleibender Rendite wären es 19 Jahre später 3.960.000 € (8,1% p.a.) bzw. 9.210.000 € (10,7% p.a.).

Lohnen sich die Rentenbeiträge angesichts dieses unfairen Vergleichs? Ja natürlich, es ist ja ein Umlagesystem: Unsere Beiträge lohnen sich für alle heutigen Bezieher von Renten, z.B. die eigenen Eltern und Großeltern und alle anderen, die jahrelang Beiträge für die Gesellschaft leisteten. Was wir nicht finanzieren, übernehmen die Steuerzahler. Also auch wir.

Werden andere später auch meine Rente bezahlen? Da überkommen selbst mich als überzeugten Optimisten Zweifel, wenn beim Schlendern durch unsere Bahnhofstraße mein Blick auf Reisen geht. Eventuell zahle ich dann mit der Steuer auf meine Rente die Unterstützung für die Generationen, die wir früher für arbeitsfähig hielten. Und wenn ich meine eigene Rente selbst per Steuer finanziere, schließt sich ein verstörender Kreis.

Aber Jammern hilft nichts, Politik lebt vom Mitmachen, und bei der Finanzplanung kümmern wir uns um die Parameter, die wir beeinflussen können. Denken wir immer in Szenarien: Der Rentenanspruch kann sich so entwickeln wie in der offiziellen Prognose, er kann aber auch bei nicht-linearen Lebensläufen oder politischen Entwicklungen in alle Richtungen abweichen. Welche Inflationsraten sind denkbar? Welche Ausfallzeiten können entstehen? Welche Gehälter werden in anderen Firmen, Branchen oder Regionen gezahlt?

Die gesetzliche Rentenversicherung ist in der persönlichen Vermögensstruktur ein Baustein von vielen. Der heutige Lebensstandard wird sich durch künftige Renten nicht halten lassen. Daher sollte die eigene Altersvorsorge immer auf mehreren starken Säulen ruhen. Mein Mandant mit der 3.500-Euro-Rentenprognose hat nun sein Wertpapierdepot neu strukturiert und baut es konsequent aus. Und dank ständiger Weiterbildung, Offenheit und Flexibilität nutzt er die aktuelle Krise bestimmt als Chance.

Ein Beitrag von Tobias Weiß.

Er ist Vermögensberater aus Ludwigsburg. Der unabhängige Honorarberater erstellt für seine Mandanten individuelle Depots und übernimmt auf Wunsch die langfristige Betreuung. Mit einem öffentlichen Musterdepot gibt er Einblick in seine Anlagestrategien.

www: twv.de

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