Liebe Leserinnen und Leser,
manchmal ist der schönste Moment an der Börse der gefährlichste. Der S&P 500 markiert neue Höchststände, 85 Prozent der Unternehmen haben im ersten Quartal die Erwartungen übertroffen, Analysten heben ihre Gewinnschätzungen an – und das alles mitten in einem laufenden Krieg im Nahen Osten, bei anhaltend hohen Ölpreisen und wachsender geopolitischer Unsicherheit. Man könnte meinen, die Märkte hätten schlicht beschlossen, schlechte Nachrichten nicht mehr wahrzunehmen.
Zwei Marktexperten haben sich diese Woche zu genau dieser Frage geäußert und kommen zu bemerkenswert unterschiedlichen Schlüssen. Auf der einen Seite: Benjamin Bente, Portfoliomanager, der trotz aller Kursgewinne eine deutliche Warnung ausspricht. Auf der anderen: Stephen Auth, CIO Equities bei Federated Hermes, der gleich fünf Gründe für einen weiteren starken Bullenmarkt liefert. Beide haben starke Argumente. Und beide haben recht – nur eben nicht gleichzeitig.
Der Markt schaut weg – und das ist das Problem
Beginnen wir mit Benjamin Bente, der die aktuelle Marktstimmung so präzise wie unbequem beschreibt: „Wer nur auf Kurse, Gewinne und Momentum schaut, sieht also ein durchaus konstruktives Bild.“ Das klingt zunächst positiv. Doch Bente meint es als Warnung.
Denn hinter dieser Oberfläche erkennt er ein Muster, das ihn beunruhigt: Die Märkte haben sich daran gewöhnt, Eskalationen nicht ernst zu nehmen. Geopolitische Krisen wurden zuletzt regelmäßig entschärft. Politische Extreme wurden juristisch begrenzt. Zölle wurden zurückgenommen. Dieses Muster der nachträglichen Korrektur hat eine fatale Nebenwirkung: „Genau diese Gewöhnung ist aus meiner Sicht das eigentliche Risiko.“ Konkret:
Der Markt unterstellt beim Iran-Krieg, dass ein Waffenstillstand den Ölpreis normalisiert, die Inflation verschwindet und die Notenbanken ihren Kurs halten können. „Das kann so kommen“, räumt Bente ein. „Aber es ist eben nur ein Szenario – und aus meiner Sicht nicht das einzige.“
Was, wenn Energiepreise länger hoch bleiben? Was, wenn Unternehmen höhere Kosten weiterreichen? Dann wäre aus einem temporären Inflationsimpuls schnell ein hartnäckiges Problem geworden – und Zinssenkungserwartungen würden sich in Luft auflösen. Bente erinnert dabei an den Oktober 1987: Monatelang stiegen die Kurse trotz sichtbarer Warnsignale. Dann verlor der Dow Jones an einem einzigen Tag 22 Prozent.
Fünf Gründe für den Optimismus
Stephen Auth wiederum sieht die Lage deutlich entspannter. Der CIO von Federated Hermes bezeichnet die Inflationssorgen als das „neueste Schreckgespenst des Marktes“ und hält dagegen: „Wir betrachten den Ölschock weiterhin als einmaliges Ereignis, das zwangsläufig ein Ende finden wird.“
Seine fünf Argumente für einen weiteren Bullenmarkt sind überzeugend.
- Erstens: Aktien reagieren auf moderaten Inflationsdruck historisch robuster als Anleihen – besonders wenn das Gewinnwachstum intakt bleibt.
- Zweitens: Unternehmen geben höhere Kosten bislang erfolgreich weiter. In acht von elf Sektoren liegt das Gewinnwachstum im Jahresvergleich im zweistelligen Bereich.
- Drittens: Die Entspannung im Verhältnis zwischen USA und China nährt Hoffnungen auf Handelslockerungen.
- Viertens: Auth hebt seine Gewinnschätzungen für den S&P 500 auf 390 US-Dollar je Anteil für 2027 an – was ein implizites Marktniveau von rund 8.000 Punkten zum Jahresende 2026 bedeutet.
- Fünftens: Der Arbeitsmarkt bleibt robust, ohne dass Energiepreise die Lohnentwicklung anheizen – ein „Goldilocks“-Szenario, das der Fed Spielraum für Zinssenkungen lässt.
Auth sieht zudem, dass die Rallye seit Jahresbeginn auf breiterem Fundament steht. Nicht mehr nur Magnificent Seven, auch Small Caps, Value-Titel und Schwellenländer liefen zuletzt zweistellig. „Diese Form der Führungsrotation ist typisch für nachhaltige Haussephasen“, schreibt er.
Wer hat recht – und was bedeutet das für uns?
Beide Experten beschreiben dieselbe Wirklichkeit und kommen zu gegensätzlichen Schlüssen. Das ist keine Schwäche der Analyse. Es ist die ehrliche Wahrheit über Börsen: Sie sind Maschinen zur Verarbeitung von Unsicherheit. Es gibt keine Gewissheit, nur Szenarien.
Was wir daraus mitnehmen: Bente mahnt zu Bewertungsdisziplin und warnt vor Selbstgefälligkeit. Auth gibt gute Gründe, investiert zu bleiben und nicht panisch zu reagieren. Beides zusammen ergibt eine kluge Anlagestrategie: Investiert bleiben – aber selektiv. Nicht auf Index-ETFs vertrauen, die blind in alles investieren, sondern auf Qualität setzen. „Stock Picking statt Index-ETFs“, formuliert Bente treffend.
Was Märkte oft vergessen – und Baustein-Aktien nicht
Bente benennt eine zentrale Gefahr: „Risiken werden selten sauber und schrittweise eingepreist. Oft werden sie lange ignoriert und dann plötzlich neu bewertet.“ Das ist das eigentliche Problem an Phasen wie dieser. Alles sieht gut aus, bis es das plötzlich nicht mehr tut.
Auth wiederum betont: Unternehmen mit Preissetzungsmacht, stabilen Margen und robustem Gewinnwachstum überstehen auch schwierige Phasen. Diese Eigenschaft – die Fähigkeit, in verschiedenen Szenarien zu funktionieren – ist das Herzstück dessen, was wir als Baustein-Aktien bezeichnen.
Denn genau das ist der Unterschied: Ein Index-ETF kauft alles – die guten Unternehmen und die schwachen. Er kauft überteuerte KI-Darlings mit Forward-KGVs jenseits der 50 genauso wie solide Dividendenzahler mit bewiesenen Geschäftsmodellen. Wenn Bentes Warnungen zutreffen und der Markt eine plötzliche Neubewertung erlebt, trifft das alle.
Baustein-Aktien hingegen haben eines gemeinsam: Sie funktionieren in mehreren Szenarien. Bleibt die Inflation hoch? Ihre Preissetzungsmacht schützt die Margen. Kommt die Zinssenkung? Ihre Bewertungen profitieren. Gibt es eine Korrektur? Ihre soliden Cashflows und Dividenden schaffen Stabilität.
Nicht Timing – sondern Qualität
Wir müssen Auth zustimmen: Die USA meiden wäre falsch. Der Kapitalmarkt dort bleibt der wichtigste der Welt. Aber wir teilen auch Bentes Mahnung: Institutionelle Risiken, fiskalische Exzesse und politische Unberechenbarkeit sind nicht irrelevant. „Bewertungsdisziplin, Bilanzqualität, Preissetzungsmacht, robuste Cashflows und globale Diversifikation werden wichtiger“, fasst Bente zusammen.
Das ist exakt das Profil einer Baustein-Aktie. Nicht eine Wette auf Wachstum um jeden Preis. Nicht ein blindes Investment in Indizes. Sondern eine Beteiligung an Unternehmen, die man versteht, deren Geschäftsmodelle bewährt sind und die in verschiedenen Marktphasen liefern.
Unser mE-Fazit
Benjamin Bente warnt vor Selbstgefälligkeit. Stephen Auth sieht gute Gründe für den Optimismus. Beide haben recht – in ihren jeweiligen Szenarien. Die Wahrheit liegt im Dazwischen: Investiert bleiben, aber selektiv. Qualität statt Quantität. Substanz statt Spekulation.
Baustein-Aktien erfüllen beide Anforderungen. Sie profitieren, wenn Auths Bullenmarkt-These zutrifft: Gewinnwachstum, Margenverbesserung, Zinssenkungen – all das kommt starken Unternehmen zugute. Und sie schützen, wenn Bentes Warnungen berechtigt sind: Preissetzungsmacht, robuste Cashflows und Dividendenstabilität federn Korrekturen ab.
Man muss nicht wissen, welches Szenario eintritt. Man muss nur in Unternehmen investiert sein, die in beiden funktionieren. Das ist keine komplizierte Strategie. Das ist langfristiger Vermögensaufbau – Baustein für Baustein.
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Christoph A. Scherbaum & Marc. O. Schmidt
P.S. Alle Daten der Daten der kommenden Handelswoche und Prognosen finden Sie in unserem Wirtschaftskalender.








