Der größte Börsengang aller Zeiten – und warum das kein Kaufsignal ist

SpaceX will 75 Mrd. US-Dollar einsammeln, Elon Musk zum ersten Billionär der Welt werden. Die Bewertung: 1,75 Billionen US-Dollar für ein Unternehmen mit 4,9 Mrd. US-Dollar Verlust im letzten Jahr. Was das über den Zustand der Märkte verrät.

Bildquelle: unsplash / SpaceX

Liebe Leserinnen und Leser,

am nächsten Freitag wird an der US-Technologiebörse Nasdaq Geschichte geschrieben. SpaceX, das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk, wird unter dem Ticker-Symbol „SPCX“ erstmals börsennotiert sein. Im Zuge des IPOs will SpaceX 75 Mrd. US-Dollar einsammeln. Das wäre der größte Börsengang, den die Welt je gesehen hat. Größer als Saudi Aramco 2019. Größer als Alibaba 2014. Größer als Facebook 2012.

Die Zahlen, die hinter dieser Überschrift stehen, sind so beeindruckend wie beunruhigend. SpaceX strebt eine Marktkapitalisierung von 1,75 bis 2,0 Billionen US-Dollar an. Bei einem konsolidierten Jahresumsatz 2025 von 18,7 Mrd. US-Dollar entspricht das einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 94. Das Unternehmen machte im gleichen Jahr 4,9 Mrd. US-Dollar Verlust. Und Morningstar, eines der renommiertesten Analystenhäuser der Welt, beziffert den fairen Wert auf etwa 780 Mrd. US-Dollar – weniger als die Hälfte des angestrebten IPO-Ziels.

Trotzdem dreht sich die gesamte Finanzwelt gerade um diesen Termin. Warum? Und was sagt das über den Zustand unserer Märkte?

Was SpaceX wirklich ist – und was nicht

Man muss SpaceX gerecht werden. Das Unternehmen hat Dinge getan, die vor zehn Jahren als unmöglich galten. Wiederverwendbare Raketen, die Nutzlast besonders günstig in den Orbit bringen. Starlink, ein Satellitennetz mit über 9.600 Satelliten und mehr als 10 Millionen Abonnenten weltweit, das 2025 bereits 11,4 Mrd. US-Dollar Umsatz mit einem operativen Gewinn von 4,4 Mrd. US-Dollar erwirtschaftete.

Das ist echte, produktive Substanz. Starlink funktioniert. Die Falcon-Raketen dominieren den kommerziellen Startmarkt. SpaceX ist kein leeres Versprechen, kein PowerPoint-Unternehmen.

Aber dann kommt die Frage, die sich jeder Anleger stellen muss: Was bezahle ich dafür? Und hier beginnt unser Unbehagen.

Das KUV-Problem: Wenn Visionen teurer werden als Realitäten

Ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 94 bedeutet: Für jeden Euro Umsatz, den SpaceX heute erzielt, zahlen Anleger beim IPO 94 Euro. Zum Vergleich: NVIDIA, das derzeit als Inbegriff des KI-Booms gilt und mit gewaltigen Wachstumsraten glänzt, wird mit einem KUV von rund 25 bewertet. Microsoft liegt bei 14. Apple bei 9.

Was rechtfertigt diese Prämie? Die Antwort, die Elon Musk und die Konsortialbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley geben, lautet: die Zukunft. Starlink soll bis 2030 laut Morgan Stanley 50 Mrd. US-Dollar Umsatz erzielen. Starship wird den Zugang zum Mond und zum Mars ermöglichen. Und dann ist da noch xAI, das KI-Segment, das im S-1-Dokument des Börsenprospekts als Wachstumshebel angepriesen wird – obwohl es 2025 trotz massiver Verluste nur 22 Prozent Umsatzwachstum lieferte.

Das erinnert uns fatal an etwas, über das wir vor vier Wochen geschrieben haben: „Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“ Damals ging es um Software-Aktien mit KGVs jenseits der 50. Jetzt sprechen wir von einem Unternehmen, das beim IPO mehr als das Doppelte seines fairen Wertes aufruft – und das trotzdem Privatanleger wie einen Magneten anzieht.

Die Privatanleger-Falle: Warum SpaceX sie braucht

Bemerkenswert an diesem Börsengang ist, wie er strukturiert ist. SpaceX möchte bis zu 30 Prozent der Aktien direkt an Privatanleger vergeben – selbst in Deutschland können Aktien über Trade Republic und Flatexdegiro gezeichnet werden – ein echtes Novum. Mit www.spacexipo.com ist eine eigene Website zum Börsengang online gegangen und fünf Broker wurden eingebunden, um die Einstiegshürden bewusst niedrig zu halten. „Building the infrastructure of the future“ lautet das Versprechen auf der IPO-Homepage.

Warum braucht das größte Unternehmen der Welt die kleinen Anleger? Weil institutionelle Investoren bei einer Bewertung von 1,75 Billionen US-Dollar für ein Unternehmen mit fast 5 Mrd. US-Dollar Verlust vorsichtiger rechnen. Weil die breite Masse eher auf Elon Musk und auf Raketen reagiert als auf Kurs-Umsatz-Verhältnisse. Und weil 75 Mrd. US-Dollar zusammengekratzt werden müssen.

Zur Klarstellung: Das ist keine bösartige Verschwörung. Das ist simples Marketing. Aber es ist auch ein Signal, das Anleger ernst nehmen sollten. Zumal auch Branchenriese Alphabet vor wenigen Tagen erst angekündigt hatte über 84,75 Mrd. US-Dollar im Zuge einer Kapitalerhöhung einsammeln zu wollen.

Sektorrotation als Warnsignal?

Gleichzeitig beobachten wir an den Märkten in dieser Woche eine interessante Bewegung: Anleger schichten Kapital aus Technologieaktien in Finanz-, Versicherungs- und Einzelhandelswerte um. Der Dow Jones legte dabei deutlich zu, der Nasdaq schloss leicht im Minus. Die schwache Tech-Stimmung belastet auch die asiatischen Märkte.

Das könnte zufällig sein. Es könnte aber auch bedeuten: Viele Investoren lösen Tech-Positionen auf, um für den SpaceX-IPO Liquidität zu schaffen. Der größte Börsengang der Geschichte benötigt schließlich das größte Kapital der Geschichte. Zumal mit Anthropic und OpenAI zwei weitere Mega-IPOs in den Startlöchern stehen.

Somit wäre SpaceX (und die beiden anderen IPOs) nicht nur eine Investitionsentscheidung, sondern ein gewaltiges Marktereignis mit Auswirkungen auf das gesamte Depot.

Was Baustein-Aktien uns lehren

Wir wollen nicht falsch verstanden werden. SpaceX könnte tatsächlich liefern. Starlink hat das Potenzial, ein Jahrzehnt lang zu wachsen. Die Raumfahrtinfrastruktur des Unternehmens stellt einen echten Burggraben dar. Vielleicht rechtfertigt sich die Bewertung irgendwann durch Gewinne, die heute noch nicht existieren.

Aber das Wort „irgendwann“ ist das Problem. Baustein-Aktien sind keine Wette auf „irgendwann“. Sie sind Beteiligungen an Unternehmen, die heute funktionieren, morgen funktionieren und übermorgen funktionieren werden – weil die Funktionsfähigkeit des Geschäftsmodells bewiesen ist, nicht weil jemand es verspricht.

Nestlé war 2008 profitabel. Siemens hat die Finanzkrise überstanden. Microsoft generiert Cashflows, von denen andere träumen. Diese Unternehmen brauchen keine Roadshow, keine IPO-Websites für Privatanleger, keine Schlagzeilen. Sie brauchen Zeit – und die arbeitet für sie.

SpaceX hingegen braucht Wachstum, das seine aktuelle Bewertung rechtfertigt. Das ist keine unmögliche Aufgabe. Aber es ist eine riskante.

Das mE-Fazit

Am 12. Juni wird vermutlich Börsengeschichte geschrieben. SpaceX wird an der Nasdaq gelistet, Elon Musk wird dann der erste Billionär der Welt, und Millionen von Privatanlegern werden auf den „Kaufen“-Knopf drücken, weil Raketen und Visionen nun einmal aufregender sind als Quartalszahlen.

Wir gönnen SpaceX den Erfolg. Aber wir erinnern uns an eine Zahl: 780 Mrd. US-Dollar. Das ist der faire Wert, den Morningstar errechnet hat. Und 1,75 Billionen US-Dollar ist der Preis, den SpaceX aufruft. Die Differenz heißt nicht Wachstumspotenzial. Sie heißt Hoffnungsaufschlag.

Baustein-Aktien brauchen keinen Hoffnungsaufschlag. Sie haben laufende Gewinne – den stillen, beständigen Vorsprung von Unternehmen, die liefern, nicht versprechen. Das ist der Unterschied zwischen einem Abenteuer und einem Investment.

Wer das größte Abenteuer sucht, findet es nächste Woche an der Nasdaq. Wer den größten Vermögensaufbau sucht, findet ihn anderswo – Baustein für Baustein.

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