Die US-Aktienmärkte beendeten das zweite Quartal mit ihrer stärksten Entwicklung seit sechs Jahren – trotz erhöhter Volatilität infolge des Iran-Konflikts, starker Kursschwankungen im Technologiesektor und des mit Spannung erwarteten Börsengangs von SpaceX. Der S&P 500 gewann im Quartalsverlauf 14,9 Prozent, während der Nasdaq um 21,4 Prozent zulegte. Im Juni gaben jedoch beide Indizes leicht nach.
Eine bemerkenswerte Entwicklung des Monats war eine deutliche Rotation innerhalb des Aktienmarktes. Anleger verlagerten ihr Kapital von den Technologieriesen der sogenannten „Magnificent Seven“ hin zu Halbleiterunternehmen, Industrieaktien und defensiveren Sektoren wie dem Gesundheitswesen. Halbleiterwerte gehörten zu den stärksten Gewinnern und profitierten weiterhin von der hohen Nachfrage nach KI-bezogener Infrastruktur. Dagegen verzeichneten die meisten großen Technologiekonzerne Kursrückgänge, allen voran Microsoft, Amazon und Meta.
Dies stellt einen bedeutenden Wandel in der Marktführerschaft dar. Während die „Magnificent Seven“ in den vergangenen fünf Jahren maßgeblich die Entwicklung des Gesamtmarktes bestimmten, führte ihre jüngste Schwäche nicht zu einem breiten Marktrückgang. Stattdessen konnten andere Sektoren die Belastung durch entsprechende Kursgewinne ausgleichen. Ähnliche Entwicklungen zeigten sich auch bei verschiedenen Anlagestilen: Value-Aktien, gleichgewichtete Indizes und kleinere Unternehmen übertrafen ihre traditionell wachstumsorientierten Pendants.
KI-Infrastruktur im Fokus
Mehrere Faktoren scheinen diese Verschiebung zu erklären. Anleger konzentrieren sich zunehmend auf die hohen Investitionsausgaben, die für den Ausbau von KI-Infrastrukturen notwendig sind. Dadurch entstehen Fragen hinsichtlich der zukünftigen Cashflows und der tatsächlichen Rentabilität dieser Investitionen. Halbleiterunternehmen gelten gleichzeitig als direkte Profiteure dieses Investitionszyklus, was die Gewinnerwartungen für den gesamten Sektor stützt. Darüber hinaus dürfte die Gewinnmitnahme nach mehreren Jahren außergewöhnlicher Kursanstiege bei großen Technologiewerten zur Marktrotation beigetragen haben.
Schließlich könnten die höheren Zinsen und die zunehmende Unsicherheit über den weiteren geldpolitischen Kurs Anleger dazu bewegen, ihre Engagements in langfristigen Wachstumswerten zu reduzieren. Die Begeisterung für künstliche Intelligenz bleibt zwar ungebrochen, doch die Marktführerschaft verbreitert sich zunehmend, was auf ein künftig selektiveres und differenzierteres Anlageumfeld hindeutet.
Die europäischen Aktienmärkte schlossen den Juni überwiegend im Plus. Der Stoxx Europe 600 erreichte ein neues Rekordhoch, da die nachlassenden geopolitischen Risiken und die Fortschritte bei einem Abkommen zwischen den USA und dem Iran die Anlegerstimmung stützten. Dies schürte Hoffnungen auf eine nachhaltige Wiederöffnung der Straße von Hormus.
Der deutsche DAX entwickelte sich dagegen schwächer als die meisten anderen europäischen Indizes. Belastend wirkten die anhaltende Schwäche des verarbeitenden Gewerbes, stagnierende Einkaufsmanagerindizes (PMI), eine schwache Industrieproduktion sowie rückläufige Auftragseingänge. Zudem verlagerte sich das Anlegerinteresse von traditionellen Industrieexporteuren hin zu Unternehmen mit Bezug zu künstlicher Intelligenz und Infrastrukturinvestitionen.
Auf Sektorebene gehörten Reise- und Freizeitwerte zu den stärksten Gewinnern. Sie profitierten von sinkenden Ölpreisen und verbesserten Aussichten für Fluggesellschaften und Tourismusunternehmen. Auch Bankaktien entwickelten sich überdurchschnittlich, da niedrigere Energiekosten die wirtschaftlichen Perspektiven verbesserten.
Attraktive Bewertungen für chinesische KI-Werte
Demgegenüber gerieten Öl- und Gaswerte unter Druck, nachdem die Rohölpreise wieder in Richtung ihres Niveaus vor Ausbruch des Iran-Konflikts gefallen waren. Auch der Automobilsektor blieb belastet – insbesondere aufgrund des zunehmenden Wettbewerbs aus China, laufender Restrukturierungsmaßnahmen und sinkender Gewinnerwartungen.
China entwickelt sich zunehmend zu einer attraktiven Bewertungschance im globalen Markt für KI-Investitionen. Während viele KI-bezogene Unternehmen in den USA und anderen Teilen Asiens mittlerweile hohe Bewertungen aufweisen, erscheinen zahlreiche führende chinesische Technologiekonzerne trotz erheblicher Investitionen in künstliche Intelligenz weiterhin attraktiv bewertet.
Unternehmen wie Alibaba, Tencent, Baidu und CATL bauen ihre KI-Kapazitäten mit starker Unterstützung durch die chinesische Regierung aus. Peking verfolgt dabei das Ziel, ein eigenständigeres und technologisch unabhängigeres Ökosystem zu schaffen.
Alibaba hat sein KI-Modell „Qwen“ bereits umfassend in seine Plattformen integriert und plant erhebliche Investitionen in Cloud- und KI-Infrastruktur. Dennoch wird das Unternehmen lediglich mit dem etwa 17-fachen der erwarteten Gewinne bewertet. Baidu und Tencent werden mit etwa dem 14- bzw. 13-fachen der erwarteten Gewinne gehandelt und liegen damit deutlich unter den Bewertungsniveaus vieler internationaler Wettbewerber.
Die größte Herausforderung bleibt jedoch die Binnenwirtschaft Chinas. Die schwache Konsumnachfrage und das verlangsamte Wirtschaftswachstum könnten das kurzfristige Gewinnpotenzial begrenzen. Darüber hinaus konzentrieren sich viele chinesische KI-Unternehmen weiterhin überwiegend auf den heimischen Markt, während ihre US-Pendants oft global tätig sind.
Dennoch bleibt die Positionierung internationaler Investoren äußerst niedrig. Obwohl China rund 10 Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung im KI-Sektor stellt, investieren globale Fondsmanager derzeit lediglich etwa 1,2 Prozent ihrer Technologieportfolios in chinesische KI-Aktien.
Diese Diskrepanz deutet darauf hin, dass chinesische Technologieunternehmen erhebliches Aufwärtspotenzial besitzen könnten, wenn sich die Stimmung gegenüber China verbessert und sich das Wirtschaftswachstum stabilisiert. Unter diesen Voraussetzungen könnten die derzeitigen Bewertungsniveaus attraktive Einstiegsmöglichkeiten für langfristig orientierte Anleger bieten.
Ein Beitrag von Joel Frick
Er ist Investment Lead bei der BENDURA BANK AG.
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