Nun soll sie also doch kommen: die Aktienrente – wenn auch unter einem anderen Namen. Künftig heißt sie Kapitalrente.
Damit erhält die gesetzliche Säule unseres Rentensystems endlich eine Kapitalmarktkomponente. Darüber ist jahrzehntelang diskutiert worden, nun soll sie tatsächlich umgesetzt werden. Das ist eine hervorragende Nachricht. Denn der Blick nach Schweden zeigt: Eine kapitalgedeckte Ergänzung kann ein wertschöpfender Bestandteil der gesetzlichen Altersvorsorge sein.
Ein richtiger Schritt mit einem entscheidenden Makel
Die Idee ist überzeugend. Zunächst ein Prozent, später zwei Prozent sollen in einen Kapitalstock fließen. Über viele Jahre kann so Vermögen aufgebaut werden, dessen Erträge künftige Renten stabilisieren. Der Kapitalmarkt wird damit endlich als Motor für langfristige Vermögensbildung und Teilhabe am wirtschaftlichen Fortschritt verstanden.
Allerdings gibt es gegenüber früheren Überlegungen einen entscheidenden Unterschied. Nicht ein Teil der bestehenden Rentenbeiträge soll in die Kapitalrente fließen, wie es etwa in Schweden der Fall ist. Vielmehr soll der Kapitalaufbau durch zusätzliche Beiträge finanziert werden: zunächst mit einem Prozent, später mit zwei Prozent.
Das belastet Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ebenso wie Arbeitgeber – und damit Beschäftigung, Wettbewerbsfähigkeit und die wirtschaftlichen Perspektiven unseres Landes. Genau darin liegt der große Malus. Mehr Kapitalmarkt in der gesetzlichen Altersvorsorge ist richtig und überfällig. Aber der gewählte Weg lässt aus einem Zukunftsprojekt zunächst eine zusätzliche Belastung werden.
Damit startet die Kapitalrente mit einer schweren Hypothek. Sie soll ein Plus für unser Rentensystem sein, ein Baustein für mehr Stabilität, Renditechancen und Generationengerechtigkeit. Umso wichtiger wäre es gewesen, sie so auszugestalten, dass sie von Anfang an stärkt, statt die ohnehin hohen Arbeitskosten weiter zu erhöhen.
Drei Reformen mit Signalwirkung
Bei aller berechtigten Kritik darf jedoch das größere Bild nicht verloren gehen. Denn die Bundesregierung setzt gleich mehrere starke und längst überfällige Impulse für die Altersvorsorge. Mit dem Altersvorsorgedepot soll die private Vorsorge einfacher, transparenter, kostengünstiger und vor allem renditestärker werden. Endlich wird anerkannt, dass Altersvorsorge nicht zwingend durch teure Garantien und starre Produkte geprägt sein muss, sondern den Menschen einen breit gestreuten Zugang zu den Chancen des Kapitalmarkts eröffnen sollte.
Hinzu kommt die Frühstart-Rente. Kinder sollen bereits ab dem sechsten Lebensjahr ein eigenes Altersvorsorgedepot erhalten, in das der Staat monatlich einzahlt und das von den Familien ergänzt werden kann. Zehn Euro im Monat werden die Rentenfrage nicht lösen. Entscheidend ist: Die Frühstart-Rente verbindet frühen Vermögensaufbau mit finanzieller Bildung. Wer schon als Kind erlebt, wie Sparen, Rendite und der Zinseszinseffekt wirken, entwickelt ein anderes Verhältnis zu Geldanlage und Eigenvorsorge.
Altersvorsorgedepot, Frühstart-Rente und Kapitalrente ergeben zusammen mehr als drei Einzelmaßnahmen. Sie markieren einen grundlegenden Perspektivwechsel. Der Kapitalmarkt wird in den zentralen Bereichen der Altersvorsorge verankert: bei der privaten Vorsorge, beim Vermögensaufbau der jungen Generation und nun auch innerhalb der gesetzlichen Rente. Das ist ein starkes Signal für die Altersvorsorge, die Aktienkultur und eine breitere Beteiligung am Produktivkapital.
Vier verlorene Jahrzehnte
Man muss es so deutlich sagen: Diese Weichenstellung hätten wir bereits vor 40 Jahren gebraucht. Man stelle sich vor, wo Deutschland heute stünde, wenn seit Mitte der 1980er-Jahre ein Teil der Altersvorsorge konsequent und breit gestreut am Kapitalmarkt angelegt worden wäre. Generationen von Beschäftigten hätten Vermögen aufbauen und vom Wachstum der Weltwirtschaft profitieren können. Die gesetzliche Rente verfügte heute womöglich über einen erheblichen Kapitalstock. Millionen Menschen hätten eigene Depots und mehr Erfahrung mit langfristiger Vermögensbildung.
Diese verlorenen Jahrzehnte lassen sich nicht zurückholen. Gerade deshalb dürfen wir jetzt keine weiteren verlieren. Die Bundesregierung setzt nun klare Impulse. Nun müssen daraus einfache, kostengünstige und verlässliche Angebote entstehen – und das ohne neue Bürokratie, überhöhte Kosten oder politische Eingriffe.
Jetzt kommt es auf die Umsetzung an
Die Kapitalrente ist ein richtiger Schritt, auch wenn ihre Finanzierung besser gelöst werden könnte. Altersvorsorgedepot und Frühstart-Rente ergänzen ihn sinnvoll. Zusammen eröffnen sie die Chance, die deutsche Altersvorsorge moderner, kapitalmarktnäher und generationengerechter aufzustellen.
Spät ist besser als nie. Jetzt muss aus dem späten Start ein kraftvoller und dauerhafter Aufbruch werden.
Am wichtigsten ist aber, dass Sie sich jetzt über Ihre Möglichkeiten informieren und aktiv werden. Denn das Altersvorsorgedepot wie auch die Frühstart-Rente wirken nicht automatisch, sondern nur dann, wenn Sie sich dafür proaktiv entscheiden.
Ein Beitrag von Marc Tüngler
Er ist Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) und ist ein profunder Kenner des deutschen Aktienmarktes. Als Redner und Aktionärsvertreter auf vielen Hauptversammlungen weiß er um die Befindlichkeiten von Vorständen und Aktionären.
www.dsw-info.de
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