Gestern Liebling, heute Verkaufskandidat

Seltene Erden statt Software: Wohin Anleger beim KI-Boom jetzt umziehen, und warum das riskant ist.

(Bildquelle: Pressefoto Deutsche Börse AG)

Liebe Leserinnen und Leser,

was im Frühjahr noch als Lieblingsaktie deutscher Privatanleger galt, steht im Herbst plötzlich auf der Verkaufsliste. Die Aktien von Atlassian und ServiceNow gehörten im zweiten Quartal bei den Nutzern der Plattform etoro noch zu den größten Gewinnern, im dritten Quartal finden sie sich unter den größten Verlierern wieder. Die Anleger sind beim Thema Künstliche Intelligenz offenbar umgezogen, nur ein paar Straßen weiter…

Von der Software zur Schaufel

Laut den Daten von etoro rücken nach Software und Halbleitern nun Unternehmen in den Fokus, die Rohstoffe, Energie und Rechenleistung für den KI-Ausbau liefern. An der Spitze der Aufsteiger steht MP Materials, ein US-Produzent seltener Erden:

Die Zahl der deutschen Anleger darin stieg binnen eines Quartals um 72 Prozent. Dahinter folgen der Energieversorger Vistra mit 40 und der Speicherhersteller SanDisk mit 32 Prozent. Am anderen Ende der Rangliste stehen neben ServiceNow und Atlassian unter anderem Zscaler, Snowflake und Salesforce.

Maximilian Wienke, Marktanalyst bei etoro, erklärt das so: MP Materials stehe an der Schnittstelle zweier Entwicklungen, denn die USA wollten ihre Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen verringern, während gleichzeitig der Bedarf durch Rechenzentren steige. „Der Anfang der technologischen Wertschöpfungskette steht für Anleger zunehmend im Mittelpunkt“, so Wienke.

Den Wechsel von ServiceNow und Atlassian ins Verliererlager deutet er nicht als Abkehr von Software oder KI, sondern als wachsende Selektivität nach den starken Bewegungen der vergangenen Quartale.

Der Haken am Hinterherlaufen

So plausibel das klingt, wir möchten einen kleinen Gedanken anfügen: Dass Anleger ein Thema immer weiter entlang der Wertschöpfungskette verfolgen, ist nicht automatisch Weitsicht.

Es kann auch heißen, dass man dem nächsten Kursgewinn hinterherläuft. Wer im Frühjahr Software kaufte, im Sommer Halbleiter und im Herbst seltene Erden, hat vor allem eines getan: gekauft, was zuletzt gelaufen ist. Dass sich die Zahl der Anleger in einem Titel um 72 Prozent erhöht, sagt zudem nichts darüber aus, ob das Unternehmen dauerhaft Geld verdient. Es sagt nur, dass viele es kaufen. Und eine Plattform, die an häufigem Handeln verdient, erzählt diese Geschichte naturgemäß gern.

Was die neuen US-Berichtssaison zeigen muss

Einen nüchterneren Blick liefert derselbe Analyst zur US-Berichtssaison. PepsiCo und Delta Air Lines haben in der zu Ende gegangenen Woche den Anfang gemacht, nächste Woche folgen die großen Banken. Die Marktstory verschiebe sich von der Makro- auf die Unternehmensebene, so Wienke: Zinsen und Rohstoffpreise setzten den Rahmen, entscheidend sei aber, wie sich Umsatz, Margen und Ausblick entwickeln. Die Berichte zeigten „schwarz auf weiß“, wie viel Geld die Unternehmen verdienen.

Wichtig sei dabei, ob Umsatzwachstum aus höheren Preisen oder aus steigenden Absatzmengen stamme. Sinkende Mengen trotz höherer Preise wären ein Warnsignal für begrenzte Preismacht. Zudem zeigten sich hohe Zinsen oft zeitverzögert, etwa bei der Refinanzierung von Krediten.

FactSet erwartet für das dritte Quartal im S&P 500 ein Gewinnwachstum von 29,5 Prozent, zunächst nur eine Prognose. Erst die Zahlen zeigten, ob das Wachstum breit getragen wird oder nur von wenigen Technologiekonzernen.

Wenn Analysten plötzlich Baustein-Aktien beschreiben

Interessant wird es am Ende des Experten-Kommentars. Kurzfristige Schwankungen und einzelne Quartalszahlen rechtfertigten für langfristige Anleger keine überstürzten Entscheidungen. Wichtig seien ein breit aufgestelltes Portfolio und ein Fokus auf Unternehmen mit hohem Free Cashflow, Preismacht, geringer Verschuldung und starken Eigenkapitalrenditen.

So bleibe das Portfolio auch bei höheren Zinsen robust. Kursrückgänge bei Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen und soliden Bilanzen könnten Nachkaufgelegenheiten bieten.

Wir lesen das gerne, denn es beschreibt ziemlich genau, was wir seit Jahren unter Baustein-Aktien verstehen. Dass ausgerechnet der Analyst einer Plattform, deren Nutzer gerade im Quartalstakt zwischen KI-Untergruppen wechseln, zu diesem Ergebnis kommt, ist bemerkenswert und vielleicht auch ein stilles Eingeständnis.

Unser mE-Fazit

Wer langfristig Vermögen aufbauen will, kommt an Künstlicher Intelligenz nicht vorbei, aber auch nicht an der Frage, was ein Unternehmen jenseits des Etiketts verdient. Das Thema wechselt, die Maßstäbe sollten es nicht. Baustein-Aktien mit stabilen Cashflows, Preissetzungsmacht und solider Bilanz sind dafür seit jeher der ruhigere Weg, und manchmal bestätigen das sogar jene, die sonst vom nächsten Trend leben.

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